Zunächst eine Frage: Fühlen Sie sich von Ihrem Arzt verstanden? Hört er Ihnen zu und nickt nicht bloß, wenn Sie Ihr Leiden beschreiben, füllt ein Rezept aus und sagt: Wird schon wieder? Ja? Dann haben Sie Glück. Etwas mehr als 300000 Ärzte arbeiten in Deutschland, kenntnisreich, will man hoffen, doch wenig bereit, ihr Tun zu erklären. Gespräche mit Patienten? Werden häufig belächelt. Wer Leben rettet, hat keine Zeit. Wer in diesen geldknappen Zeiten 24-Stunden-Schichten schiebt, vielleicht auch keine Lust.

"Dabei ist nichts so wichtig", sagt Annette Böhmer, 21 Jahre alt. Sie studiert im sechsten Semester Medizin an der Universität Leipzig und ist eine von 20 Tutoren, die dieses Defizit beseitigen sollen. Bereits im Grundstudium, wie es die neue Approbationsordnung will: Gefordert wird ein "deutlich psychosozialer Schwerpunkt". Will heißen: Kommunikationskompetenz. In Leipzig üben deshalb Medizinstudenten des dritten und vierten Semesters Gesprächssituationen mit Patienten im Rollenspiel. Mit so genannten Schauspielpatienten.

Ein Seminarraum im Keller, Neonlicht. Im Halbrund acht Studenten. Draußen platscht der Regen auf den Gehsteig. Vorne, vor der Tafel, ein Tisch und zwei Stühle: das "Behandlungszimmer". Auf dem Stundenplan stehen vier Stunden Gesprächsanalyse, Rollenspiele, angeleitet von der Tutorin. Im Mittelpunkt – das ärztliche Gespräch, kein Faktenwissen. Es geht ums Menschliche. "Wir wollen die Studenten für die Nöte der Patienten sensibilisieren", sagt Annette Böhmer.

Zwanzig, dreißig Schauspielpatienten hat die Uni Leipzig im Einsatz, Laiendarsteller und echte Schauspieler. Die Anamnesegespräche sind fingiert. Der Patient hat seine Rolle studiert. Heute: alleinerziehender Vater, zu lange vorm Computer gesessen, deshalb verspannter Nacken – jetzt braucht er dringend Massagen. Der angehende Arzt muss reagieren und darf vor allem keine Massagen verschreiben, weil das sein Budget sprengen würde. Die Studenten sollen lernen, auch in vertrackten Situationen einfühlend zu argumentieren, ein Gespräch sinnvoll zu strukturieren und so das Vertrauen der Patienten zu erobern. Das heißt auch, genau hinzuhören, um verborgene Botschaften nicht zu überhören. Nichts sei schlimmer, sagt Annette Böhmer, als ein Arzt, der seine Patienten schnell mit ein paar hingeworfenen Sätzen abspeise. Oder einer, der sich hinter lateinischen Bezeichnungen verstecke. Deshalb diese Übung, bei der nun Thomas Eberhard, 23, viertes Semester, und Helge van Hove, 37, Schauspieler, aufeinander treffen. Thomas Eberhard war, bevor er zu studieren begann, Rettungssanitäter. Helge van Hove, ausgebildet an der Hamburger Schule für Schauspiel, arbeitet jetzt an einem Improvisationstheater.

Auftritt Patient: Sie wissen ja, der Nacken. Diese Verspannung! Ich sitze den ganzen Tag vorm Computer. Und zu Hause der Stress, ich bin alleinerziehender Vater. Ich hätte gern Massagen.

Arzt: Ach ja? Ich hatte Ihnen schon einmal welche verschrieben. Im November? Haben die geholfen?

Patient: Ja, bis heute.