Um zu verstehen, was Wolf Lotter unter Verschwendung versteht, muss man ein Puzzle zusammensetzen. Verschwenden ist für den Essayisten des Wirtschaftsmagazins brand eins mal "ausgeben, ohne lange zu zögern". Manchmal aber auch aller Konsum, der "nichts anderes als pure, permanente Verschwendung" sei. Gelegentlich kommt die Verschwendung zudem als Synonym für Luxus daher – dann wieder werden die beiden Begriffe voneinander abgesetzt. Viel Kraft und Platz verwendet der Autor darauf, zu beschreiben, was Verschwendung nicht ist, nämlich bloße Vergeudung – die beschreibt er in all ihren dunklen Facetten: "Vergeudung ist rückwärtsgewandt, beharrend, nicht dynamisch. Verschwendung aber heißt: Mut zum Neuen, auch zum Risiko, zu haben. Sie ist eine Tugend."

Es macht Spaß, das Buch des Wirtschaftsjournalisten zu lesen. Lotter zitiert interessante Anekdoten aus der Geschichte des Kapitalismus. Aber seine Folgerungen sind nicht immer schlüssig. Er kehrt die positiven Seiten der Verschwendung und derer, die sie leben, heraus. Die Genügsamen und Bescheidenen zeichnet er hingegen als spießig und ängstlich. Süffisant erhebt sich Lotter über die von ihm ebenfalls angeprangerten "Gutmenschen". Wer hingegen verschwendet und dabei bloß an sich denkt, tue über Investitionen und Konsum auch anderen Gutes.

Immer wieder hebt Lotter seine Gedanken auf eine theoretische, politische Ebene. Verschwendung und Luxus sind für ihn wichtige Bestandteile der Demokratie. Er sieht Verschwendung als Motor unseres Wirtschaftssystems: "Kapitalismus ohne Verschwendung gibt es nicht. Die Verschwendung ist der einzige Zweck des Kapitalismus." Wobei sich Lotter immer wieder glühend zum Kapitalismus bekennt. Zusammen mit Vielfalt und Verschwendung sei er der Hauptbestandteil eines Perpetuum mobile, das in der Lage sei, "ohne zeitliche Begrenzung Energien – also Nutzen – freizusetzen".

Lotters Gedanken sind schön aufgeschrieben, aber nicht neu. Schon 300 vor Christus erklärte der griechische Philosoph Epikur die Lust zum Lebensprinzip. Im Römischen Reich mit den Antiluxusgesetzen und später im Mittelalter galt Verschwendung dagegen als Angriff auf die moralischen Werte der Gesellschaft – als eine Todsünde. Wie der Philosoph Georges Bataille zitiert Lotter den Potlach, ein Verschwendungsritual bei nordamerikanischen Urvölkern. Deren Menschen beschenkten sich, um soziale Beziehungen zu definieren und Machtverhältnisse zu festigen. Der Potlach ist ein Exzess des Schenkens, denn die Völker überbieten sich im Schenken und zerstören – auch das gehört zum Ritual – hinterher das Geschenkte.

Lotter befindet sich mir seiner Forderung nach mehr Verschwendung in guter Gesellschaft. So schreibt etwa Hans Magnus Enzensberger: "Menschen, die sich mit dem Notwendigen begnügen und das Überflüssige verschmähen, gibt es nicht. Gleichgültig, auf wen man sein Augenmerk richtet, auf die australischen Aborigines oder die Bewohner von Silicon Valley, auf die Indianer am Amazonas, oder die Spekulanten von Shanghai, die Verschwendung gehört zu den anthropologischen Konstanten."

An der heute verbreiteten "Geiz ist geil"-Haltung gibt es viel zu kritisieren, sie führt zur Verlagerung von Arbeitsplätzen an immer (arbeits-)kostengünstigere Standorte, zu sinkenden Löhnen und der kurzsichtigen Ausbeutung aller Ressourcen. Lotter aber fordert keinen bedachteren oder gar nachhaltigeren Konsum, sondern schlicht: mehr Konsum. Ob darin wirklich die Lösung liegt, bleibt – bei allem Lesegenuss, den Lotters Gedankenspiele bereiten – allerdings fraglich. (Anne Kunze)

Wolf Lotter: Verschwendung
Wirtschaft braucht Überfluss – die guten Seiten des Verschwendens
Carl Hanser Verlag, München 2006; 250 Seiten, 19,90 Euro