Trotz positiver Konjunkturprognosen und steigendem Verbrauchervertrauen: Der zarte Aufschwung in Deutschland hat den Arbeitsmarkt der Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche noch nicht erreicht, die schweren Zeiten für IT-Spezialisten sind noch nicht vorbei. "Nach einer Mitgliederbefragung im Dezember 2003 haben wir für 2004 ein Umsatz-Wachstum von zwei Prozent vorausgesagt", sagt Volker Müller, Sprecher des Bundesverbandes für Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien Bitkom. "Das reicht, um den Stellenabbau zu stoppen, doch es reicht nicht für neue Jobs".

Immerhin ist Deutschland der drittgrößte IT-Markt nach den USA und Japan, die Branche beschäftigt hierzulande immer noch 750.000 Menschen. Das entspricht ungefähr dem Stand von 1999, also der Zeit vor dem großen Boom und dem darauf folgenden Knall. Bitkom-Sprecher Müller weist auf Unterschiede in den beiden großen Teilbereichen der Branche hin: "Bei der Telekommunikation gehen die Umsätze nach oben, aber die Zahl der Jobs nach unten, bei den IT-Unternehmen ist es umgekehrt". Also vielleicht doch leichte Anzeichen der Besserung?

Nach Darstellung des Bundesverbandes hungert die Branche geradezu nach gut ausgebildeten Fachkräften. Besonders gesucht werden Software-Entwickler, IT-Berater, Netzwerkspezialisten und Datenbankexperten. Sicher muss der Verband im Interesse seiner Mitglieder die Lage übertreiben, doch eine Zahl ist nicht von der Hand zu weisen: 29 Prozent der IT-Unternehmen geben an, dass der Fachkräftemangel ein echtes "Markthemmnis" sei, die Firmen also neue Produkte und Projekte nicht realisieren können, weil sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine entsprechenden Spezialisten finden. Zwar sind mittlerweile mehr als 14.000 Computerprofis aus dem Ausland über die Greencard-Regelung ins Land gekommen (hauptsächlich aus Indien, den Ländern des ehemaligen UdSSR und den übrigen Ländern des ehemaligen Ostblocks), doch das reicht der nach Know-how gierenden Branche nicht.

Warum aber sind gut ausgebildete deutsche Fachkräfte so rar? "In Deutschland interessieren sich zu wenig Menschen für technische Berufe", sagt Bitkom-Sprecher Müller. Das liege zum Einen an den sich stetig verändernden Berufsbildern in der Informationsindustrie. Zum Andern gelinge es eben einfach nicht, die Begeisterung von Jugendlichen für technische Neuerungen für das Arbeitsleben zu konservieren. Nach einer Statistik von Eurostat kommen in Deutschland auf 1000 Hochschulabsolventen nur ganze acht mit einem Abschluss in einem naturwissenschaftlichen oder technischem Fach, in Irland sind das immerhin knapp 22 Absolventen.

Nachfrage bei der Gesellschaft für Informatik in Bonn, warum gibt es so wenig Informatiker in Deutschland? "Es fangen sehr viele Studenten an, aber mehr als die Hälfte bricht die Ausbildung mittendrin ab", sagt Sprecherin Cornelia Winter. Offensichtlich denken viele Interessenten beim Stichwort Informatik nur ans Programmieren und das finden sie "cool". Die meisten übersehen in ihrer ersten Begeisterung jedoch, dass zu der Ausbildung auch eine große Portion Mathematik und Statistik gehört, und geben mittendrin auf oder lassen sich von ersten Jobangeboten blenden. "Wir weisen immer darauf hin, wie wichtig es ist, diese Ausbildung auch zu beenden", sagt Winter. "In Boomjahren werden die Leute schon eingestellt, wenn sie, lax gesagt, das Wort Computer nur buchstabieren können". Doch in einer Krise seien die Quereinsteiger und Selfmade-Spezialisten auch die ersten Opfer.

Die Gesellschaft für Informatik kann sich nur auf Appelle an die Studenten beschränken. Nur wer das Denken in logischen Strukturen gelernt hat, kann später auch leicht hinzulernen und immer neuen Anforderungen wie zum Beispiel völlig neuen Programmiersprachen gerecht werden. "Nur eine grundständige Hochschul-Ausbildung schafft die richtige Basis, um sich später den veränderten Marktbedingungen anzupassen". Und, um an den Ausgangspunkt zurückzukommen, einen guten und interessanten Job zu finden.

Die Gesellschaft für Informatik im Internet:
http://www.gi-ev.de