"Manchmal liegt das Gute doch so nah (...) - gemeint ist natürlich unser Nachbar, die Niederlande. Selten zuvor war hier die Arbeitsmarktlage und damit die Jobchancen besser als heute." Reichlich optimistisch klang die Gruppe deutscher und niederländischer Studierender, als sie vor drei Jahren diese Zeilen auf der Homepage des Seminars für Niederlandistik an der der Universität Oldenburg veröffentlichten. Die Arbeitslosenquote von damals 3,6 Prozent und das "flexiblere Wirtschaftskonzept", seien Grund dafür, dass "der Markt in vielen Bereichen für Arbeitssuchende offen steht".

Mittlerweile leuchtet die Nationalfarbe Hollands, was Wirtschaft und Arbeitsmarkt betrifft, nicht mehr ganz so knallig orange wie gewohnt: "Dem Vorbild Holland droht die Dauerkrise", schrieb die Financial Times Deutschland Mitte August auf ihrer Homepage. "Praktisch alle Faktoren, die Mitte der 90er Jahre zu einem überdurchschnittlichen Wachstum beitrugen, sind inzwischen verschwunden", analysiert Citigroup-Analyst François Mercier gegenüber der Wirtschaftszeitung. "Nach einigen Jahren der Hochkonjunktur befindet sich die niederländische Wirtschaft in einer Abkühlungsphase", räumt auch das holländische Ministerium für auswärtige Angelegenheiten ein.

Orangen auf den Augen? Trotz aller Unkenrufe gilt jedoch: Wer innerhalb Europas flexibel und mobil ist und Holland bei seiner Karriereplanung wegen der negativen Schlagzeilen völlig außer Acht lässt, hat Orangen auf den Augen. Etliche Argumente sprechen weiterhin für tendenziell gute Jobperspektiven in dem Nachbarland.

Niedrige Arbeitslosenzahlen Da wären zum Beispiel die nach wie vor niedrigen Arbeitslosenzahlen. Nach einer jüngsten Erhebung des Statistischen Amtes der Europäischen Gemeinschaften (Eurostat) stand Holland im Juli mit einer Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent gemeinsam mit Luxemburg (3,8 Prozent) in Europa am besten da - der Schnitt liegt sonst bei acht Prozent.

Durchmarsch der Dienstleistung Als stärkster Jobmotor hat sich in den vergangenen zehn Jahren der Dienstleistungssektor erwiesen. 2002 machte er 60 Prozent des Bruttoinland-Produktes (BIP) der Niederlande aus. Traditionell am wichtigsten ist dabei der Handel. Zu den Spitzenreitern der Unternehmen zählen Ahold, SHV Holdings und Hagemeyer. Auch viele Industriebetriebe sind im Handel aktiv, darunter Unilever, Philips, Akzo Nobel und Shell.

Die Stärke der niederländischen Wirtschaft liegt außerdem in der Distribution und Logistik. "Über die Jahre haben sich die Niederlande zu einer außerordentlich vorteilhaften logistischen Drehscheibe entwickelt", schreibt die Deutsch-Niederländische Handelskammer auf ihrer Homepage. In "The World Competitiveness Yearbook 2002" werde Holland als weltweit viertbester Standort eingeordnet.