"Einblicke - Geistes- und Sozialwissenschaften in der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG)" - der Titel des Buches klingt nüchtern - die Intention, die dahinter steckt, ist es nicht. Mit der Publikation, die am 3. November in Berlin vorgestellt wird, will die DFG nichts anderes als "den hohen Stellenwert der Geistes- und Sozialwissenschaften" betonen, den sie innerhalb der DFG-Förderung genießen. Was ein bisschen nach Nibelungenschwüren klingt, ist auch so gemeint. "Die Lage der Geisteswissenschaften ist in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden", heißt es in der Presseerklärung. Dabei sei es auch um das Verhältnis der Geisteswissenschaften zu anderen Fachgebieten gegangen "und nicht zuletzt um die Befürchtung, dass sie durch einen verschärften Wettbewerb um Fördermittel ins Hintertreffen geraten könnten".Keine guten Aussichten für all jene Wissenschaftler, die eine Karriere in den Geisteswissenschaften anstreben. Ohnehin war es bisher schon schwer genug, eine der wenigen Stelle an den Hochschulen zu ergattern. Nun steht auch noch zu befürchten, dass der eine oder andere Fachbereich komplett dicht gemacht wird. Besonders die Naturwissenschaftler machen den Philosophen, Historikern und Linguisten seit längerem zu schaffen. "Auf welche Erfolge können die Geisteswissenschaften verweisen, jetzt, wo die Naturwissenschaften sich anschicken, das menschliche Genom zu entschlüsseln und anderes mehr?", heißt es bewusst provokativ in einer Presseerklärung der Volkswagen Stiftung, die jüngst die Förderinitiative "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften" ins Leben rief. Ein stärkerer Schulterschluss mit den Naturwissenschaftlern scheint für die Wolfsburger dennoch eine adäquate Lösung zu sein. So forderte die Stiftung die Wissenschaftler auf, Projektthemen zu definieren, die "aktuelle, in der Gesellschaft diskutierte Fragestellungen aufgreifen" und "die Beteiligung gerade auch naturwissenschaftlicher Fächer" erfordern sollte. Der "interdisziplinäre Dialog mit den Naturwissenschaftlern" lag auch der Berlin- Brandenburgischen Akademie besonders auf dem Herzen, als sie wenige Tage nach der Veranstaltung der Volkswagen Stiftung den "Tag der Geisteswissenschaften" ausrief. "Beteiligen Sie sich an den wichtigsten Debatten der Gegenwart", riet Klaus von Trotha Geisteswissenschaftlern bereits während einer Tagung vor zwei Jahren. Die Professoren sollten sich neu positionieren statt ihren Besitzstand zu wahren, forderte der ehemalige Wissenschaftsminister Baden-Württembergs. Das von ihm bevorzugte "offensive Verhalten" greife allerdings nur dann, "wenn Sie sich selber helfen und es auch tun". Dazu gehöre es auch, sich ein klares Profil zu bilden. Ziel müsse sein, "die Qualitäten am Standort" beispielsweise in vernetzten Kompetenzzentren zusammenfließen zu lassen. Darüber hinaus gelte es, die autonomen Potenziale zu nutzen, die Studiengänge mit breiten Berufsperspektiven klar zu strukturieren, die Leistungsanforderungen anzuheben und sich anderen Wissenschaftszweigen zu öffnen. Das Problem der Geisteswissenschaften sei, dass sie Schwierigkeiten mit dem von "einem kleinen Meinungskartell und wenigen Stichwortgebern organisierten hochschulpolitischen Diskurs" haben, schrieb Professor Reinhold R. Grimm vom Institut für Romanistik an der Universität Jena vergangenes Jahr im Onlineportal LEGAmedia. Ob Forderungen nach Studienzeitverkürzung, Effizienz und Anwendungsrelevanz, einem klaren Berufsbild, Teamarbeit mit anderen Wissenschaften und Internationalität - in allen Bereichen scheinen die Geisteswissenschaften schlechter abzuschneiden als andere Fächerkulturen.Dabei stünden sie besser da, als von vielen wahr genommen, betont Grimm. Eine bessere PR brauchten demnach die Geisteswissenschaftler. "Sie müssen durch Reformfähigkeit und nachhaltiges Wirken nachweisen, dass sie (...) in der Konkurrenz der Fächerkulturen mithalten können."Doch nicht nur die Hochschulen sind gefordert, sich neu zu positionieren, auch jeder einzelne Geisteswissenschaftler sollte seine Karriere bewusster planen als bisher. Dabei sollten Alternativen außerhalb der Hochschule in Betracht gezogen werden. Zwar haben es die Schöngeister traditionsgemäß mit am schwierigsten in der freien Wirtschaft. Doch unmöglich ist der Jobeinstieg nicht."Das Interesse der Wirtschaft an Geistes- und Sozialwissenschaftlern ist größer als allgemein vermutet", lautet eine These von Susanne Theisen, Recruiting Director bei McKinsey & Company. McKinsey beschäftige sieben Prozent Geisteswissenschaftler - Tendenz steigend. Wichtig für die eigene Karriere ist demnach auch die Wahl der Universität. "Die meisten geistes- und sozialwissenschaftlichen Studiengänge bereiten nur unzureichend auf eine Karriere in einem Unternehmen vor", lautet ihr anderes Fazit. Die Schuld läge aber auch bei den Studenten selber. Fehlendes Wissen hinsichtlich des eigenen Werts der eigenen Qualifikation für die Wirtschaft und der Arbeit in einem Unternehmen behinderten oft den Einstieg. Wer mit Frau Theisen persönlich über ihre Thesen diskutieren will kann das in einem Online- Workshop vom 07.11. bis 26.11. machen.

Geisteswissenschaften im InternetVeranstaltungen
Am 3. November stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihr Buch "Einblicke - Geistes- und Sozialwissenschaften in der DFG" vor.
www.dfg.de/aktuelles_presse/pressemitteilungen/2003/presse_2003_52.html"Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften" lautet eine Förderinitiative der Volkswagen Stiftung.
www.volkswagenstiftung.de/foerderung/foerderinitiativen/kurzinfo/infostg_ d.htmlTag der Geisteswissenschaften lautete die Tagung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die am 29. Oktober stattfand.
idw-online.de/public/zeige_pm.html?pmid=71144Publikationen "Die Universitäten müssen in die Offensive gehen" Vortrag Wissenschaftsminister a.D. des Landes Baden-Württemberg Klaus von Trotha anlässlich einer Vortragsreihe am European Institute for International Affairs.
www.european-institute.net/archiv/vortragsreihen/krisegeistes/trotha/trotha_presse.html"Wieder im Orchester mitspielen" Beitrag von Professor Reinhold R. Grimm auf LEGAmedia, das Expertenartikel von Arbeitsrecht bis Zivilrecht, von Computer bis Internet, von Wirtschaft bis Politik, von Marketing bis Design veröffentlicht.
www.legamedia.net/legaeducation/2002/02- 03/0203_grimm_reinhold_geisteswissenschaften.php"Wozu Geisteswissenschaften?" II Dokumentation der Vorträge von Prof. Manfred Fuhrmann und Prof. Silke Wenk.
www.hochschuldebatten.de/behode.htm?/press1901.htmWorkshop "Wozu Geisteswissenschaften?" Diese Frage stellt sich das Gallileus, ein Online-Portal für Studenten und Dozenten. Die Veranstaltungsreihe dauert noch bis zum 8.11.
www.gallileus.info/gallileus/events/wozu_geisteswis/topics/programm/DIE ZEIT - Lehre und Forschung
Zahlreiche Artikel, Services und Hilfen für Geistes- und Sozialwissenschaftler
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