"Mach doch zuerst eine Banklehre, dann bist du auf der sicheren Seite!" Viele Klienten des Hamburger Coachs und Personalberaters Roger Hendrich haben diesen Satz von ihren Eltern in jungen Jahren gehört. Viele haben den Rat befolgt und sich entgegen ihrer Neigung für einen Vernunftberuf entschieden. Irgendwann kamen sie in ihrer Karriere in eine Sackgasse. Das Gefühl, sich nicht selbst verwirklichen zu können, wurde übergroß. Und wer ist schuld? Die Eltern. Die Erziehung hat erheblichen Einfluss auf die Berufswahl – und auch darauf, welches Karriereverhalten man an den Tag legt.

Eltern sind für die Berufswahl ihrer Kinder die wichtigsten Ratgeber. Zudem werden unbewusst Verhaltensmuster übernommen. Zumeist orientieren sich Jugendliche an ihrem Vater. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Frauenzeitschrift BRIGITTE ist für 50 Prozent der Jugendlichen der Vater das berufliche Vorbild. Nur 37 Prozent der Teenager orientieren sich an der Mutter. Zudem fühlen sich 60 Prozent der befragten Heranwachsenden und jungen Erwachsenen durch den beruflichen Erfolg ihrer Eltern unter Druck gesetzt, ebenfalls Karriere zu machen.

So war auch die Berufswahl der Ingenieurin Sibylle Bauer* vorprogrammiert. Nach dem Abitur wusste die heute 37-Jährige nicht, welchen Beruf sie ergreifen sollte. Der Vater, ein erfolgreicher Techniker, verfügte über zahlreiche berufliche Kontakte. Sibylle Bauer hat die Kontakte ihres Vaters genutzt und begann eine Ausbildung zur Industriemechanikerin. Später studierte sie Maschinenbau. Obgleich sie heute in ihrem Beruf als Ingenieurin erfolgreich ist, betrachtet sie ihre Berufswahl skeptisch: "Ich nehme mich bis heute nicht ernst, weil ich die ganze Sache nicht ernst genommen habe", sagt sie.

Vielleicht ist dies auch der Grund, weswegen sich die Ingenieurin keine Führungsposition zutraut. "Eine Teamleitung traue ich mir nicht zu, dazu fehlt mir die fachliche Kompetenz", sagt die 37-Jährige. Sie bevorzugt es, wenn sie die ihr gestellten Aufgaben "in Ruhe abarbeiten" kann.

"Kommunikationsstile, Streitkultur, Ehrgeiz und auch die Rolle im Team sind oftmals stärker durch unsere Eltern geprägt, als wir es selber zugeben wollen", erklärt Coach Hendrichs. Aber es geht auch anders herum. "Oft erkenne ich eine Orientierung am Gegenkonzept der Eltern", sagt der Hamburger. Viele seiner Klienten wollten nicht in das Handlungsschema der Eltern verfallen und suchten Berufe, "die scheinbar weit weg davon sind". Besonders oft entscheiden sich Kinder stark erfolgreicher Eltern für diesen Weg der Abgrenzung. Kinder wünschen sich die Anerkennung und den Stolz der Eltern. Ist aber die Karriere des Vaters oder der Mutter so groß und scheint nicht wiederholbar, müssen eigene Wege gegangen werden. Dies ist umso mehr der Fall, wenn Eltern den Erfolg ihrer Kinder über deren Berufsverlauf definieren.

In der Familie von Wiebke Mestermacher gibt es nur Akademiker. Doch die 34-jährige Garten- und Landschaftsgärtnerin mit Meistertitel entschied sich nach einem Freiwilligen Ökologischen Jahr bewusst gegen ein Studium und für eine betriebliche Lehre. "Wir haben viel draußen gearbeitet, das hat mir gefallen", erzählt sie. Zwar seien ihre Eltern überrascht über den Berufswunsch der Tochter gewesen, jedoch haben sie diese darin unterstützt.

Später besuchte sie die Meisterschule und macht sich anschließend mit drei Kollegen selbständig. Heute blickt Mestermacher zufrieden auf ihr kleines Unternehmen in Bremen. Die Eltern sind heute stolz auf die einzige Nicht-Akademikerin in der Familie. Wiebke Mestermacher ist froh darüber, ihren eigenen Weg gegangen zu sein. Schließlich kommt es für den beruflichen Erfolg vor allem darauf an, dass man seinen Beruf gerne ausübt.

*Name von der Redaktion geändert