Frauen gründen zumeist Kleinunternehmen – Seite 1

Gründen Frauen anders als Männer? "Ja", sagt Karsten Kohn, Volkswirt bei der KfW-Bankengruppe in Frankfurt, "Frauen haben andere unternehmerische Zielvorstellungen, sie schätzen ihre eigene berufliche Leistungsbereitschaft skeptischer ein." Dieses Ergebnis hat die Verfasser der neuen Kfw-Studie überrascht. Sie wollten herausfinden, warum Frauen sich seltener selbstständig machen als Männer.

Widerlegt wurde in der Studie, bei der 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem KfW-Gründungsmonitor zu ihrem Gründungsverhalten befragt wurden, das Klischee, dass Frauen schlechter ausgebildet seien als Männer. Ebenfalls nicht nachzuweisen war die Vermutung, Frauen seien weniger beharrlich. "Andere berufliche Leistungsbereitschaft" heißt für Kohn, dass Frauen sich selbst kritischer beurteilen und oft mit kleineren Projekten als Männer in die Selbstständigkeit starten. Sie gründen zu 60 Prozent als Ein-Frau-Betrieb und sie fragen weniger Kredite nach. Wenn sie es denn tun, treten sie bei Finanzierungsgesprächen nicht so selbstbewusst auf wie Männer.

Außerdem machen sich Frauen und Männer in anderen Branchen selbstständig. Männer gehen verstärkt ins verarbeitende Gewerbe, in die Baubranche und in unternehmensbezogene Dienstleistungen (z. B. Maklertätigkeiten, EDV, Forschung und Entwicklung, Architektur- und Ingenieurbüros). Frauen sind vor allem vertreten bei personenbezogenen Dienstleistungen (Erziehung, Unterricht, Gesundheit, Friseursalons) sowie im Handel.

Jörn Block meint zudem zu erkennen, dass Frauen "risiko-averser" seien als Männer. Diese Tendenz liest der Assistant-Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam aus verschiedenen Studien heraus, die er mit Andreas Lutz, Gründer des Münchner Internetportals gruendungszuschuss.de zum Gründungsverhalten von Männern und Frauen erstellt hat. Frauen mit geringerem Risikoverhalten könnten aber sogar erfolgreicher sein als Männer, so Block. Sie überschätzten sich weniger, hätten aber verstärkt Gründungshemmnisse wie Familie und Kinder.

Iris Kronenbitter, Projektleiterin der bundesweiten Gründerinnenagentur (bga) in Stuttgart, ist nicht überrascht von den Studien. Die bga berät über ihren bundesweiten Expert/innen-Pool mit mehr als 300 Netzwerken für Gründerinnen und Unternehmerinnen jährlich rund 1000 Existenzgründerinnen. Risikoscheu seien diese Frauen überhaupt nicht. 90 Prozent der Frauen gingen sehr bewusst an ihre Businesspläne heran. Frauen wollen eben erst expandieren, wenn sie schwarze Zahlen schreiben, statt vorschnell Schulden zu machen. Da stehe nicht der tolle Wagen oder die 1a-Bürolage im Vordergrund, "sondern Wachstum verbunden mit Werten", sagt Kronenbitter.

In der bga-Studie "Selbstständigkeit – gehen Frauen andere Wege?" von 2007 kam zudem heraus, dass sich Frauen zwar anscheinend schneller durch Misserfolge verunsichern lassen als Männer, gleichzeitig verfügten sie über mehr Optimismus und seien stolzer auf ihre Leistungen. Ein Widerspruch?

 

Die Zahlen zeigen ein anderes Bild: Obwohl die Zahl der Gründungen seit 2006 insgesamt zurückgeht, steigt der Prozentsatz der Gründerinnen an. Vor allem Frauen in der Lebensmitte seien deutlich mutiger und dynamischer als Männer. 2005 gründeten laut KfW-Gründungsmonitor 36 Prozent Frauen, 2008 waren es bereits 41 Prozent. Tendenz steigend.

Die Bewerbungstrainerin Heidrun Walter aus Freiburg und die Partizipationsberaterin Claudia Zinser aus Berlin haben "frauen-typisch" gegründet. Beide nahmen keinen Kredit auf und sind mit ihrem jeweiligen Know-how in die Selbstständigkeit gegangen. Heidrun Walter kündigte vor vier Jahren ihre Festanstellung – und wollte sich Zeit mit der Neuorientierung lassen. Ihr Mann unterstützte sie finanziell und ideell. Ihre Bewerbungstrainings liefen irgendwann so gut, dass sie sich entschloss, den Gründungszuschuss bei der Agentur für Arbeit zu beantragen. Heute teilen sich die Ehepartner ihre Arbeit wieder 50:50.

Claudia Zinser sprang 2007 ins kalte Wasser. Die Erziehungswissenschaftlerin und Sozialpädagogin war 2007 arbeitslos geworden, ihre Unterstützung von der Arbeitsagentur wäre bald ausgelaufen und die Hoffnung auf eine Professur hatte sich zerschlagen. Die heute 45-Jährige erkannte ihr Alleinstellungsmerkmal und gründete innerhalb von zwei Monaten das Unternehmen "Ein Blick von außen." Es ist spezialisiert auf politische Partizipation von Jugendlichen, Teamentwicklung, Coaching für Beruf und Privatleben.

In wenigen Fällen arbeitet Claudia Zinser mit Kollegen zusammen. Sie schätzt die Teamarbeit und hätte gerne mehr davon. Doch Teams werden selten von den Auftraggebern finanziert. Keine direkten Ansprechpartnerinnen bei der Arbeit mehr zu haben fand auch Heidrun Walter erst mal hart. "Existenzgründung ist eher eine einsame Angelegenheit." Deshalb hat sie sich schnell mit anderen vernetzt.

"Unterhalte dich mit anderen Gründerinnen", rät auch Karsten Kohn. Frauen, die Netzwerke nutzen, haben gute Chancen. Heidrun Walter bekam darüber ihre ersten Aufträge vermittelt. Längst ist sie in der komfortablen Lage, Arbeit abzugeben, wenn ihre Kapazitäten nicht ausreichen. Rückblickend hat sich für sie das "Risiko" der Existenzgründung gelohnt.