ZEIT ONLINE: Sind Sie Thilo Sarrrazin für seine Äußerungen über die Einwanderer dankbar, immerhin wird die OECD-Studie, an der sie mitgearbeitet haben, nun ja prominent diskutiert?

Thomas Liebig: Zugegeben, die Äußerungen haben die Öffentlichkeit, die unseren Ergebnissen nun zuteil wird, wahrscheinlich erhöht. Aber Aufmerksamkeit ist für uns kein Selbstzweck und ich würde mir eine andere Richtung für die Debatte wünschen. Derzeit wird eine Integrationsvermeidungsdebatte geführt.

ZEIT ONLINE: Die Studie untersucht die Jobchancen von Einwandererkindern. Es zeigt sich, dass Deutschland hier im Vergleich mit 15 weiteren OECD-Ländern nicht besonders gut abschneidet. Ist das jetzt ein Zeichen von mangelnder Integration der Migranten oder ein Hinweis auf vorherrschende Diskriminierung durch die Einheimischen?

Liebig: Zuerst stört mich der Begriff "Einheimischer". Der suggeriert, dass die Kinder von Einwanderern nicht in Deutschland heimisch wären. Die meisten von ihnen sind aber hier geboren. Für die vergleichende Studie haben wir bei der OECD zwei Gruppen von Migrantenkindern herangezogen: Die einen sind selbst im Ausland geboren und noch vor ihrem 18. Lebensjahr zusammen mit ihren Eltern gekommen. Die anderen haben zwei Eltern, die im Ausland geboren sind – sie selbst sind jedoch im Einwanderungsland geboren. Beide Gruppen haben nicht nur in Deutschland, sondern auch in den meisten anderen europäischen OECD-Ländern niedrigere Beschäftigungsquoten als Personen ohne Migrationshintergrund.

ZEIT ONLINE: Daraus könnte man ja schließen, dass sich die Migranten und ihre Nachkommen nicht integrieren möchten.

Liebig: Das wäre der falsche Schluss. Die meisten Migranten wollen sich integrieren und sie tun es auch. In Deutschland liegt die Beschäftigungsquote von Nachkommen von Migranten in der Gruppe der 20- bis 29-jährigen bei den Männern immerhin bei knapp 70 Prozent, bei den Frauen bei rund 62 Prozent. Niedrig qualifizierte Nachkommen von Migranten – diese Gruppe wird ja häufig als besonders "problematisch" angesehen – haben eine ähnlich hohe Beschäftigungsquote wie Personen ohne Migrationshintergrund.

ZEIT ONLINE: Und wie steht es um die Nachkommen türkischer Zuwanderer?

Liebig: In unserer Studie sind rund die Hälfte der in Deutschland geborenen Nachkommen von Zuwanderern türkischer Abstammung. Deren Väter kamen in der Regel als Gastarbeiter in den sechziger und frühen siebziger Jahren. Die meisten von ihnen waren – und sind noch immer – sehr gut auf dem Arbeitsmarkt integriert, jedoch häufig in niedrig qualifizierten Beschäftigungen. Wenn wir die Bildungsergebnisse derer Kinder analysieren, darf nicht vergessen werden, dass schätzungsweise rund die Hälfte der Mütter dieser Kinder nur einen Grundschulabschluss oder überhaupt keine Schulbildung hat. Da dies nur für einen kleinen Bruchteil der Kinder ohne Migrationshintergrund gilt, ist es schwierig, beide Gruppen pauschal zu vergleichen.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig zeigen die Beispiele von den sehr erfolgreichen Kindern vietnamesischer Einwanderer, dass nicht immer das Bildungsniveau der Eltern entscheidend ist.