Sie waren drei Jungs zuhause. Der Älteste, Dietrich, ist ein erfolgreicher Arzt geworden, ein Tumorexperte und außerplanmäßiger Professor an der Privat-Universität Herdecke. Der Mittlere, bereits verstorbene Bruder Wilhelm war Galerist. Der Jüngste in der Reihe, Herbert Grönemeyer, hat sich als Sänger mit Liedern wie "Alkohol" oder "Flugzeuge im Bauch" bekannt gerockt. Heute ist er nicht nur Musiker, sondern auch Schauspieler.

Der Älteste eine Führungspersönlichkeit, der Jüngste ein Kreativer. Immer wieder werden Geschwistern bestimmte Charaktereigenschaften zugeschrieben, je nach ihrer Position in der Rangfolge. Aber ist da überhaupt etwas dran? Beeinflusst es tatsächlich gravierend die Persönlichkeit und damit auch Berufswahl und Karriere, ob man das erste oder dritte Kind in der Familie ist? Und kann man das vielleicht sogar für sich nutzen?

Nach der gängigen Theorie soll der Erstgeborene eher ehrgeizig, gewissenhaft und zuverlässig sein und oft lebenslang eine Chefrolle einnehmen. Das so genannte Sandwichkind in der Mitte gilt als kontaktfreudig, hat einen großen Freundeskreis, auch weil es in der Familie keinen rechten Platz findet, und ist ein Künstler der Diplomatie. Schließlich hat es schon früh gelernt, es allen Seiten recht zu machen. Das jüngste Kind wiederum spielt eine Sonderrolle. Es bekommt Trost von allen Seiten. Ihm wird oft geholfen, was es unselbstständig macht. Es ist häufig sehr lebhaft und um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, entwickelt es einen "grandiosen Charme". Vorurteil hin und her. Das alles kann man auf der Seite ElternimNetz.de des bayerischen Landesjugendamtes nachlesen.

Muss man die Menschheitsgeschichte danach etwa aus anderer Perspektive betrachten? Waren Kopernikus, Darwin, Einstein und Freud, die durch ihre Erkenntnisse die Welt veränderten, nur Spätgeborene, die um die Aufmerksamkeit der Eltern buhlten? Wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin, weil sie die verantwortungsvolle, älteste von drei Geschwistern war?

Die Wissenschaft jedenfalls hält nichts von solchen Theorien. "Die empirische Forschung bestätigt solche Zusammenhänge kaum", sagt der Psychologieprofessor der Universität Bielefeld, Rainer Riemann. Die Ideen gehen auf den Wiener Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, zurück, der damit bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf die Dynamiken in der Familie hinwies, sagt er. Doch mit diesen Zuweisungen sei es wie mit den Sternzeichen und der Persönlichkeit. Im Sinne der sich selbst erfüllenden Prophezeiung entdecke plötzlich jeder Dinge an sich, die diesen Vorstellungen entsprechen.

Dass der älteste Sohn in der Regel die Kanzlei, den Hof, das Unternehmen oder die Praxis der Eltern übernimmt und grundsätzlich eher Führungspersönlichkeit ist, wie der dänische Psychiater Oluf Martensen-Larsen beobachtet haben will, habe möglicherweise so noch nie gestimmt. Genauso wenig wie die Theorie, dass die große Schwester oft Sozialarbeiterin, Krankenschwester oder Psychologin wird, weil sie als Kind ihre Geschwister umsorgen musste.

"Hin und wieder mag es das noch geben, dass man Menschen aufgrund ihrer Position in der Geschwisterfolge bestimmte Eigenschaften zuschreiben kann", sagt dagegen der Familienforscher und Psychologieprofessor an der Ludwig Maximilian Universität in München, Hartmut Kasten. In konservativen Familien etwa, die patriarchalische Denkmuster forttragen, die den ältesten Sohn noch als Stammhalter sehen und entsprechend fördern. Ansonsten aber könne man solche Geschichten getrost auf dem Friedhof der Psychologie beerdigen. Das, worauf diese Theorie fuße, gebe es heute überdies so kaum noch: die klassische Familie mit klassischen Geschwisterverhältnissen. Familie heißt heute meistens Ein-Kind-Familie, Patchworkfamilie, alleinerziehendes Elternteil. Nur noch rund jede dritte Familie hat mehr als ein Kind. "Dazu kommt, dass Eltern ihre Kinder heute individueller und partnerschaftlicher als früher erziehen", erklärt der Psychologe. Alte familiäre Rollenbilder greifen da nicht mehr.