"Die lautesten Affen sitzen oben" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Knill, wenn man die Schweizer Männerzeitung durchblättert, kommt es einem vor, als hielte man eine Emma für Männer in den Händen. Machen Sie eine Männer-Emma?

Ivo Knill: Wir machen auf jeden Fall eine Zeitung, in der Emanzipationsthemen aufgegriffen werden.

ZEIT ONLINE: Sind die Männer in der Schweiz denn benachteiligt?

Knill: Es ist wie im Zoo: Die lautesten Affen sitzen zu oberst auf der Stange. An der gesellschaftlichen Spitze stehen (noch) mehrheitlich Männer. Das heißt aber nicht, dass die Mehrheit der Männer privilegiert ist. Die Lebensentwürfe der Schweizer Männer sind gesellschaftlichen Zwängen unterworfen. Wir haben es zwar geschafft, die Frauen in die Arbeitswelt zu integrieren. Die Männer haben aber kaum eine Alternative zur Rolle als Versorger und Ernährer. Wenn ein Paar Kinder bekommt, erhält die Frau drei Monate Mutterschaftsurlaub. Einen Vaterschaftsurlaub gibt es in der Schweiz nicht. Je nach Arbeitgeber erhalten junge Väter zwei Tage bis zwei Wochen frei. Das reicht nicht, um sich als Familie neu zu organisieren. Familien geht es heute schlechter als noch in den achtziger Jahren, weil die Lebenshaltungskosten gestiegen sind. Eigentlich sind zwei oder wenigstens anderthalb Einkommen nötig. Solange es keine entsprechenden politischen Rahmenbedingungen gibt, werden junge Männer und junge Frauen in die klassischen Rollenbilder gedrängt. Gerade einmal fünf Prozent der Väter arbeiten in Teilzeit . Es ist nahezu unmöglich als Mann eine Teilzeitstelle zu bekommen. Und bei den Jungen beobachten wir schlechtere Bildungschancen. Arbeitslosigkeit, Gewalt – das sind überwiegend männliche Probleme.

ZEIT ONLINE: Dabei gibt es schon seit den achtziger Jahren in der Schweiz eine Männerbewegung.

Knill:  Die Männerbewegung entstand gewissermaßen Seite an Seite mit der Frauenbewegung. Immerhin führte die Schweiz erst 1971 das Frauenwahlrecht ein. Die Gleichwertigkeit der Geschlechter ist ein gemeinsames Projekt von Männern und Frauen. Die Männerbewegung der achtziger Jahre setzte sich sehr kritisch mit der traditionellen Männerrolle auseinander. Wir wollten nicht so werden, wie unsere Väter. Die Männerbewegung von heute möchte vielschichtige Lebensentwürfe für Männer und die gleichen Rechte und Pflichten für beide Geschlechter.

ZEIT ONLINE: Aber sind Männer denn rechtlich nicht gleichgestellt? 

Knill: Immer mehr Männer empfinden sich als benachteiligt. Besonders im Scheidungsfall fühlen sich Väter zu wenig respektiert und letztlich ohnmächtig. In der Regel wachsen die Kinder nach einer Trennung ihrer Eltern bei der Mutter auf. Das betrifft mittlerweile jedes sechste Kind in der Schweiz. Ein gemeinschaftliches Sorgerecht muss erst vor Gericht erstritten werden. Und weil es kaum Teilzeitstellen für Männer gibt, ist es nahezu unmöglich, dass sich Väter gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern können. Für Männer ist schließlich die Berufskarriere sicherer als die Familienkarriere. Das ist frustrierend.

ZEIT ONLINE: Entsprechend sind die Forderungen der Schweizer Männerbewegung.

Knill:  Richtig. Wir fordern eine Elternzeit auch für Männer mit der entsprechenden Unterstützung für Familien, wir wollen aber auch, dass die Anliegen der Jungen stärker berücksichtigt werden. Ihre Förderung scheint von der Agenda verschwunden zu sein. Wir wollen auch eine gesetzliche Gleichstellung von Vätern, was das Sorgerecht der Kinder angeht und wir möchten, dass mehr Männer in Gleichstellungsbehörden arbeiten.

Das sind Frauendomänen. Aber Gleichstellung wird erst verwirklicht, wenn auch Männer an diesen Stellen arbeiten. Es gibt übrigens viele Frauen, die diese Forderung unterstützen – allerdings fehlt es noch an Männern mit der entsprechenden Ausbildung. Gender Studies ist ein Fach, das überwiegend von Frauen studiert wird. Und insgesamt sollten die Interessen der Männer in den Fokus der Gesellschaft rücken.

Jenseits der traditionellen Trampelpfade

ZEIT ONLINE: Das soll auch die Männerzeitung realisieren.

Knill: Ja, unsere Zeitung gibt es seit mittlerweile zehn Jahren. Die Männerzeitung ist die Plattform der organisierten Männer- und Väterbewegung in der Schweiz. Mittlerweile erscheint die Zeitung vierteljährlich in einer Auflage von 5000 Stück in der deutschsprachigen Schweiz. Die Redaktion arbeitet ehrenamtlich.

ZEIT ONLINE: Und Sie richtigen sich mit Männerthemen von Männern an Männer.

Knill: Wir glauben, dass es Themen gibt, die Männer mit Gewinn unter sich besprechen, so können sie Maß aneinander nehmen. Wie erleben andere Männer ihre Sexualität? Wie erleben sie ihre Vaterrolle? Unsere Zeitung versteht sich als ein Ort, wo diese Diskussion unter Männern öffentlich wird. Das bildet sich in den Themen unserer Nummern ab, da geht es um Glauben, Sex und Pornografie, um den Mann als Freier, als Vater und als Sohn. Es gibt viele Themen, zu denen Männer ihren eigenen Zugang haben. Wir wollen unaufgeregt, konkret, sachlich und persönlich darüber schreiben, aber nicht bequem. Das Leben als Mann ist spannend – auch jenseits der traditionellen Trampelpfade. Aber man muss auch bereit sein, sich dafür zu plagen.

ZEIT ONLINE: Sie sind so ein Mann jenseits der traditionellen Trampelpfade, immerhin gehören Sie zu den fünf Prozent Männern, die in Teilzeit arbeiten.

Knill: Wieso die Zeit mit dem Schreiben von unnötigen Geschäftsmails verplempern, wenn man diese einmalige Chance hat, ein Kind groß werden zu sehen? Meine Frau und ich haben unsere Kinder noch im Studium bekommen. Da war ich dann windelwechselnder Taxistudent, der vom Hörsaal in die Kinderkrippe und von dem Breilöffel zum Lenkrad eines klapprigen Peugeots wechselte. Das war chaotisch, aber wir sind zusammen mit unseren Kindern daran gewachsen. Erst als wir in den Beruf einstiegen und die Kinder schon zur Schule gingen, wurde es anstrengend. Jetzt galt es die Tagesabläufe von zwei Schulkindern mit dem einer Assistenzärztin und eines Lehrers abzustimmen. Zum Glück konnte ich als Lehrer in Teilzeit arbeiten und trotzdem beruflich weiterkommen. Doch es gibt nicht viele Berufe, die das ermöglichen. Teilzeitstellen sind noch immer Karrieresackgassen. Wer nicht Vollzeit arbeitet, wird weniger gefördert und kann selten aufsteigen. Es sind Strukturen wie diese, die wir endlich ändern müssen – erst dann werden Männer und Frauen gleichberechtigt sein.

Die Fragen stellte Tina Groll .