In kaum einem Land ist das Frauenbild so widersprüchlich wie in Israel. Wie sich die Israeli ihren eigenen Weg zwischen Beruf, Familie, Armee, Geschichte und Religion erkämpfen, beschreibt ZEIT-Korrespondentin Gisela Dachs in einer exklusiven Serie in den kommenden Wochen auf ZEIT ONLINE. Lesen Sieden ersten Teil der Serie hier,den zweiten hier,den dritten Teil hier und den vierten Teil hier .

In dem Wohnhaus in der Arlosoroff-Strasse in Haifa muss man ein paar Treppen nach unten steigen, um zur Haifa Women`s Coalition zu gelangen. Vier feministische Vereinigungen haben sich hier auf zwei Etagen zusammengeschlossen; sie wollen die Rechte und das Selbstbewusstsein von Frauen stärken. Im Eingang stapeln sich viele Broschüren in arabischer Sprache. Die Karikaturen sprechen für sich: Sie zeigen junge Frauen mit traurigem Blick unterm Hochzeitsschleier – oder mit Baby und Putzwedel. "Ich entscheide mich, mit wem ich leben will" steht auf einem Aufkleber. Damit können sich heterosexuelle Frauen, die gegen arrangierte Ehen sind, genauso identifizieren wie Lesben. Keine einfachen Themen für die arabische Minderheit in Israel.

Genau deshalb wird hier darüber gesprochen. Zur Women`s Coalition gehören die Kayan Feminist Organisation , die arabische Frauen fortbildet und das Haifa Rape Crisis Cente r, das sich um Vergewaltigungsopfer kümmert. Aswat engagiert sich für lesbische Palästinenserinnen und bei Isha-le-Isha setzen sich jüdische und arabische Frauen für Koexistenz ein. Ein bunter Reigen, der gemeinsame Interessen verteidigt. Gesprochen wird Arabisch und Hebräisch.

Es ist kurz nach zehn, als Rula Deeb leicht verschwitzt auftaucht und sich wegen der Verspätung entschuldigt. Aber ihre beiden Hunde seien ausgerissen, die habe sie erst wieder einfangen müssen. Die 41-Jährige ist die Direktorin von Kayan. Sie trägt kurzes Haar, ein elegantes schwarzes Outfit mit einem beduinenartigen Hosenrock und geschwungene Hängeohrringe. Nach ihrem Äußeren zu urteilen, könnte sie genauso gut irgendwo in einem Büro in Paris sitzen. Aber dieser Eindruck täuscht. Ihr Engagement ist ein sehr lokales – wenn auch mit einer weitreichenden Botschaft: Ihre Zielgruppe sind die arabischen Frauen in Israel.

Nach der Staatsgründung wurden in Israel etwa 100.000 im Land verbliebene palästinensische Araber eingebürgert. Heute zählen etwa 1,45 Millionen Bürger und Bürgerinnen zu dieser nationalen Minderheit, die allerdings keine homogene Gruppe darstellt. Rund 83 Prozent sind Muslime, acht Prozent Christen und acht Prozent Drusen.

Sie alle haben keine einfache Identität: Politisch und rechtlich sehen sie sich als israelische Staatsangehörige, national und kulturell aber als palästinensisch-arabisch.