In kaum einem Land ist das Frauenbild so widersprüchlich wie in Israel. Wie sich die Israeli ihren eigenen Weg zwischen Beruf, Familie, Armee, Geschichte und Religion erkämpfen, beschreibt ZEIT-Korrespondentin Gisela Dachs in einer exklusiven Serie in den kommenden Wochen auf ZEIT ONLINE. Lesen Sieden ersten Teil der Serie hier,den zweiten hierundden dritten Teil hier.

Ihre Stimme hatten die deutschen Abgeordneten im Ohr, als Israels Präsident Schimon Peres am 27. Januar 2010 im Bundestag redete. Peres sprach Hebräisch, sie übersetzte simultan ins Deutsche. Wer genau hinhört, bemerkt ihren Schweizer Akzent. Den hat sie auch in den anderen Sprachen, in denen sie sich ansonsten hundertprozentig zu Hause fühlt: Englisch und Hebräisch.

Dina Herz, 45, ist in Basel geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter stammte aus Antwerpen, ihr Vater aus der Schweiz. Mit 19 packte sie ihre Sachen, um nach Israel einzuwandern. Was sie dazu bewegte, sei eine Identitätsfrage gewesen. "Als einzige Jüdin in meiner Klasse hatte ich genug davon, mich dauernd zu erklären." Zum Beispiel, was koscheres Essen ist. Und "wenn wir mit den Hund auf die Straße gingen, räumten wir ganz schnell seine Häufchen weg, damit niemand `Saujud` zu uns sagen könnte, weil mein Bruder eine Kippa auf dem Kopf trug".

Den Glauben unverkrampft zu leben, das war ihr Wunsch. Dabei sieht sie nicht aus wie eine streng gläubige Jüdin. Sie trägt Hosen, eine kurzärmelige Sommerbluse, auf den offenen Haaren steckt eine Sonnenbrille. An ihrem Blackberry baumelt zwar eine Chamsa aus Holz, aber ein solches Amulett in der Form einer Hand, das vor dem bösen Blick schützen soll, wird heute längst auch von säkularen Juden – ebenso wie von Muslimen – getragen.

Dina Herz will nicht als religiöse Frau erkannt werden. Dafür hat sie sich ganz bewusst entschieden. Es gibt ihr die Gelegenheit, die Menschen immer wieder zu überraschen. Als Dolmetscherin hat sie immer wieder mit Politikern auch aus Deutschland zu tun. Sie seien überrascht, wenn sie sich als gläubige Jüdin zu erkennen gibt. Dennoch versucht sie, den Glauben vom Job zu trennen. Auch darum hat sie sich entscheiden, keine Kopfbedeckung zu tragen, wenngleich sie nach ihrer Hochzeit vor vierzehn Jahren "echt überlegt" habe. Das wäre für sie eine zu deutliche "Stigmatisierung" gewesen. Im Beruf und auf der Straße.

Die 45-Jährige ist eine moderne Israeli . Sie ist in ihrem Job erfolgreich, sie hat drei Kinder und einen Ehemann. Und sie hat ihren Glauben, der eine feste Größe in ihrem Leben ist.

Ihre Religiösität ist nach ziemlich klaren Auflagen definiert. Sie würde zum Beispiel nie im Leben ein Tanktop tragen und auch kein Spaghettiträgerkleid, geht aber durchaus im Badeanzug im Meer schwimmen. Sie lehnt Treffen in nichtkoscheren Restaurants nicht ab, isst dort dann aber nur vegetarisch. Zu Hause allerdings trennt sie in ihrer geräumigen Jerusalemer Küche ganz streng Fleischiges und Milchiges und am Sabbat drückt sie auf keinen Lichtschalter.

Nie hätte sie gedacht, dass sie damit letztlich auch in Jerusalem einer Minderheit angehören würde, dass sie sich auch hier würde "erklären müssen". Ihre Welt ist himmelweit von jener der Ultraorthodoxen entfernt, die jeden Morgen Gott dafür danken, dass er sie "nicht zur Frau gemacht hat" und die eigens Busse fahren lassen, in denen Frauen und Männer getrennt sitzen.

Dina Herz gehört weder dem liberalen Reformjudentum noch der konservativen Masorti-Bewegung an, die sich schon lange über vorgegebene Grenzen hinwegsetzen und sogar eigene Rabbinerinnen haben. Nein, sie will vielmehr im Rahmen des orthodoxen Judentums ausloten und ausprobieren, was möglich ist.