ZEIT ONLINE: Frau Böhnke, was machen Sie am 1. Mai ?

Julia Böhnke: Eigentlich schwanke ich immer, ob ich nach Hause nach Essen fahre, wo ich dann mit meinen Eltern auf die 1.-Mai-Demonstration gehe. Das haben wir schon gemacht, als ich noch Kind war. Aber dieses Jahr bleibe ich wohl in Berlin und gehe natürlich auch hier auf die Gewerkschaftsdemo.

ZEIT ONLINE: Wofür demonstrieren Sie am Tag der Arbeit?

Böhnke: Für ein besseres Bildungssystem und bessere Arbeitsbedingungen.

ZEIT ONLINE: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme für junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt?

Böhnke: In den letzten fünf Jahren haben die Politiker zwar rauf und runter gebetet, dass Bildung unglaublich wichtig ist. Das wird vor allem genutzt, den ohnehin schon großen Erfolgs- und Leistungsdruck noch weiter zu erhöhen. Leider setzt die Politik ihre Forderungen nicht um. Jugendliche können nicht sicher davon ausgehen, einen Ausbildungsplatz zu finden oder einen Studienplatz. Vielmehr wird die Konkurrenz zwischen jungen Menschen über die Bildung ausgetragen und verschärft. Das erzeugt das Gefühl: Wenn ich jetzt nicht besonders heraussteche und sogar meinen Ellenbogen auspacke, hänge ich nach dem Studium in der Praktikumsschleife, werde nach der Ausbildung nicht übernommen und lande in Leih- oder Zeitarbeit. Das ist nicht die krude Angst, sondern die Realität von jungen Menschen. Sie sind besonders häufig von immer wiederkehrenden Befristungen betroffen.

ZEIT ONLINE: Was muss sich ändern, um die berufliche Situation von jungen Menschen zu verbessern?

Böhnke: Für Praktikanten muss es gesetzliche Standards geben – sie müssen entlohnt werden. Der Gesetzgeber sollte außerdem verbieten, dass Praktikanten reguläre Arbeitsplätze ersetzen, was sehr häufig der Fall ist. Ein anderes Beispiel ist der Ruf nach qualifizierten Facharbeitern. Da bleibt aus Sicht der Jungen nur zu sagen: Berufserfahrung qualifiziert. Dafür müssen Auszubildende nach dem Abschluss auch übernommen werden! Berufserfahrung kann man nur sammeln, wenn man länger in einem Betrieb gearbeitet hat. Das ist mit befristeten Jobs schwierig.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass der Leistungsdruck zu einem größeren Engagement der jungen Menschen führt – beispielsweise in den Gewerkschaften ?

Böhnke: Ja, gerade wenn man mit Protesten Erfolg gehabt hat, motiviert das viele junge Leute, sich zu engagieren. Das hat das Beispiel der Bildungsstreiks gezeigt. Sie haben veranschaulicht: Nicht wenn man die Ellenbogen auspackt, sondern nur, wenn man gemeinsam für seine Interessen kämpft, lässt sich auch etwas erreichen. Ich glaube, dass solche Proteste zunehmen werden – Konfliktfelder gibt es genug.