Mutter und Tochter sitzen am Küchentisch und vergleichen ihre Leben. Der Lebensentwurf der Mutter passt nicht mehr für die Tochter. Weil die Ehe der Mutter nicht glücklich verlief, musste sie umdenken. Die Tochter hingegen sehnt sich nach Sicherheit. Ihr abgeschlossenes Studium ist keine Garantie für eine Festanstellung mit einem Gehalt, von dem sie eine Familie ernähren könnte. Überhaupt, eine Familie zu gründen, erscheint ihr riskant. Schwanger mit einem befristeten Job – da ist der Arbeitsplatz doch ganz bestimmt weg. Und wenn sie nur noch Teilzeit arbeitet, reicht das Geld hinten und vorne nicht. Erst recht nicht, falls die Partnerschaft scheitert. Auf einen Mann als Versorger will und kann sie nicht bauen. Nur: So lange kann die junge Frau das Kinderkriegen nicht aufschieben. "Wir haben uns nicht so viele Gedanken gemacht", sagt die Mutter da.

Noch keine Frauengeneration war besser ausgebildet als die Generation der heute 30-Jährigen. Die Emanzipation hat sie aus fixen Geschlechterrollen befreit. Noch nie hatten Frauen so viele Wahlmöglichkeiten. Doch wie sieht ein Frauenleben heute aus?

Die Filmemacherin Beatrice Möller hat für ihren Dokumentarfilm Alles was wir wollen drei junge Frauen um die 30 drei Jahre lang begleitet. Sie alle sind hochqualifiziert und gehen einer künstlerisch-intellektuellen Tätigkeit nach. Damit beschränkt sich die 1979 geborene Filmemacherin vor allem auf ein Milieu. An diesen dreien beobachtet Möller, wie viele Zweifel und Sorgen diese Freiheit ihnen bereitet. Ankommen. Heiraten. Oder ledig bleiben. Familie gründen. Oder Karriere machen. Oder frei bleiben? Und was, wenn man vor lauter Freiheit die falsche Wahl trifft? 

Die Journalistin Claudia etwa hat zwar einen attraktiven, aber mies bezahlten Job als Chefredakteurin eines Stadtmagazins in Leipzig. Sie möchte mit ihrem Freund zusammenziehen und Familie gründen. Doch geht das mit dem Job und wird das Geld reichen? Und wie soll sie mit der Unsicherheit umgehen, dass die Partnerschaft möglicherweise nicht ein Leben lang bestehen bleiben wird? Claudia besucht ihre Eltern, für die sie schon viel zu spät dran ist mit dem Kinderkriegen. Ihre Eltern bekamen mit Anfang 20 Kinder. "Wir waren mit 30 schon fertig", sagen sie und es klingt, als schwinge ein Vorwurf über das Zaudern und Zögern der Tochter darin mit.

Die Mutter der Schauspielerin Marie-Sarah dagegen steht halbbewundernd neben ihrer Tochter. Irgendwie war es früher zwar einfacher, findet die Mutter, andererseits beneidet sie die Tochter um deren Möglichkeiten. Marie-Sarah hält es nie lange irgendwo aus. Sie ist schon 29 Mal umgezogen. Von den USA nach Frankreich und jetzt eben nach Berlin. Am liebsten würde sie ganz viele Leben leben, sagt sie. Nur die ständige finanzielle Notlage im Künstlerjob nervt sie. Für eine feste Beziehung oder Kinder fühlt sie sich noch nicht fertig genug. Später, vielleicht, lautet ihre ausweichende Antwort. 

Die dritte Protagonistin ist Mona. Sie wuchs in Palästina auf. Heute lebt sie in Berlin. Die Freiheit, die sie in Deutschland hat, musste sie sich erst erkämpfen. Und jetzt? Sie arbeitet als Projektmanagerin. Auf einen Lebensentwurf festlegen möchte auch sie sich nicht. Familie, ja – aber später. Alleine zu leben genießt sie sehr.

Wie lange kann man sich entscheiden?

Es scheint, als habe Möller drei enge Freundinnen für ihr Filmprojekt ausgesucht. Sie ist bei intimen Gesprächen zwischen Mutter und Tochter am Küchentisch dabei, wird in wenigen Szenen sogar von den Portraitierten persönlich angesprochen. Sie drängt sich mit der Kamera nicht auf, achtet auf schöne Bilder und ein sanftes, sonniges Licht. Aber sie bohrt nicht nach. Sie befragt keine Soziologen, sie verlässt nie das Milieu. Letztlich kommt ihr Film über die Selbstbetrachtung nicht hinaus.

Die wenigen Interviews mit den Frauen wirken daher auch eher wie Gespräche zwischen Freundinnen, die über die immergleichen Problemchen lamentieren. Möller begleitet die Frauen im Alltag mit der Kamera. Ist mit Claudia in der Redaktion und besucht deren Eltern. Filmt Mona bei der Arbeit und beim gemeinsamen Kochen mit der Mutter und nimmt Proben von Marie-Sarah auf oder schlendert mit ihr samt Mutter über den Wochenmarkt. Interviews und Szenen fließen sanft ineinander.

Und dann tut sich doch etwas. Bei Mona wird eine Krebsvorstufe an den Eierstöcken entdeckt. Das Leben hat für sie entschieden und ihre Wahlfreiheit eingeschränkt. Claudia wird schwanger und zieht mit ihrem Freund zusammen. Und Marie-Sarah packt ihr Hab und Gut zum 30. Mal und steigt bei einer Unternehmensberatung in München ein. "Es ist aber nur eine Station auf Zeit", sagt sie. Ach was.

Alles was wir wollen ist ein Dokumentarfilm, der sich gut wegguckt. Interessant dürfte er  vor allem für Mütter und ihre Akademiker-Töchter aus der Mittelschicht sein.