Seit Jahrzehnten ist er für die Lufthansa unterwegs, nun steht der erfahrene Pilot mit Mitte 60 kurz vor der Rente. Seinen Namen möchte er nicht öffentlich nennen, so aufgeheizt ist der Konflikt um die Frage: Wann ist ein Kapitän reif für die Rente?

"Die Anforderung in diesem Beruf sind über die letzten Jahre nicht etwa kleiner geworden, sondern gewachsen", sagt er. Viele Menschen würden denken, dass durch die elektronischen Systeme und den Autopiloten die Beanspruchung gesunken sei. "Gleichzeitig ist aber das Flugaufkommen gewachsen, es kommen ständig neue Regeln hinzu. Die Systeme in einem Flugzeug sind für einen Menschen nur noch schwer zu überblicken."

Der Lufthansa-Pilot hat trotzdem entschieden, mit 55 Jahren nicht in den Ruhestand zu gehen und eine verminderte Bezahlung bis zur Rente zu beziehen, wie es bisher bei seinem Arbeitgeber möglich war. Die Lufthansa möchte diese Regelung nun ändern und das Austrittsalter anheben. Dagegen wehrt sich die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit mit einem der größten Streiks in der Geschichte des Unternehmens: In den nächsten Tagen fällt fast der gesamte Flugbetrieb der Lufthansa und deren Tochtergesellschaft Germanwings aus.

Vor allem Langstrecke ist eine Belastung

Auch wenn er für sich die Frührente nicht in Anspruch genommen hat, kann der erfahrene Pilot nachvollziehen, dass viele seiner Kollegen nicht bis 65 durchhalten. Gerade die Langstrecken seien sehr belastend. Nach einem über zehn Stunden langen Flug in einer völlig anderen Zeitzone genügend zu schlafen, schafften nur wenige. Über die Jahre sei das eine enorme gesundheitliche Herausforderung.

Ärzte stimmen dieser Meinung nicht uneingeschränkt zu. Der Flugmediziner Roland Quast etwa untersucht in Stuttgart Piloten auf ihre Flugtauglichkeit. Er sagt zwar, dass Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und Reaktionsvermögen besonders gefordert seien. Außerdem belaste die Schichtarbeit den menschlichen Organismus, "besonders bei Flügen über mehrere Zeitzonen". Mit zunehmendem Lebensalter spürten viele Piloten diese Belastungen physisch und psychisch. "Bei manchen tritt vorzeitige Erschöpfung auf, manche erkranken", erklärt Quast. Andere hingegen blieben gesund und fit und seien in ihrer Leistungsfähigkeit wenig eingeschränkt.

Dennoch urteilt der Flugmediziner: Gemessen an der demografischen Entwicklung der Gesellschaft müsse "auch bei Piloten über eine längere Lebensarbeitszeit" gesprochen werden. Die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) erwäge deshalb sogar eine Lockerung der bisher starren Altersgrenze von 65 Jahren. "Es wird diskutiert, diese Entscheidung den Flugmedizinern zu überlassen", sagt Quast. Realität sei, dass es Piloten gebe, die mit 65 Jahren noch voll leistungsfähig seien.

Rente mit 55 "generell nicht gerechtfertigt"

Der Mediziner hält es für "generell nicht gerechtfertigt", wenn Piloten mit 55 Jahren aus ihrem Beruf ausscheiden. Das vorgezogene Altersruhegeld stamme aus zurückliegenden Jahrzehnten, die Lebensgewohnheiten und Leistungsfähigkeit der heutigen Menschen hätten sich verändert. "In Nordamerika fliegen Piloten schon heute meist bis zum 65. Lebensjahr", sagt Quast.

Auch die Lufthansa argumentiert damit, dass ihre Piloten schon jetzt durchschnittlich bis zu einem Alter von knapp 59 Jahren arbeiteten, obwohl sie die Möglichkeit haben, früher auszuscheiden, ohne von ihren gesetzlichen Rentenansprüchen etwas zu verlieren. Mit seiner Forderung trage das Unternehmen dem gesamtgesellschaftlichen Trend einer längeren Erwerbstätigkeit Rechnung.

Die Piloten-Gewerkschaft sieht das anders: "Wer möchte mit Piloten fliegen müssen, die sich nicht mehr fit fühlen, aber aus finanziellen Gründen weiterfliegen müssen?", heißt es in einer Stellungnahme. Es liege im Interesse der Passagiere, den Piloten individuell die Entscheidung zu überlassen, ob sie sich den Belastungen noch gewachsen fühlten. Menschen alterten eben unterschiedlich schnell.