Mehr als eine Familienwandertour habe ich bisher nicht unternommen. Mit der Gondel auf den Berg, maximal drei Stunden Rundweg laufen – mehr spazieren als wandern –, mit der Bahn wieder runter, fertig. Als Norddeutsche verfüge ich auch sonst über wenig Bergerfahrung. Erst im vergangenen Winter habe ich das erste Mal einen Skikurs gemacht. Und litt schon auf dem Idiotenhügel an Höhenangst. Trotzdem reizte mich die Teilnahme am Sturm auf die Zugspitze, einer Veranstaltung des Motivationstrainers Sergej Linz

Die Aufgabe: in nur einem Tag Deutschlands höchsten Berg erklimmen und auf den Spuren von Josef Naus und Johann Georg Tauschl wandeln, die am 27. August 1820 erstmals den Gipfel bestiegen. Nichts leichter als das? Keineswegs. Zwar gibt es mehrere Eintagesrouten, die auf den 2.962 Meter hohen Gipfel, den höchsten Deutschlands, führen. Allerdings setzt das einiges an Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit voraus.  

Linz veranstaltet diese Tour als Selbsterfahrungstrip. Der ehemalige Polizist und Kampfsportler coacht vor allem Männer: Berufseinsteiger und junge Führungskräfte. Als Motivationstrainer ist er spezialisiert auf die Willenskraft: Wenn du ein Ziel wirklich erreichen willst, bist du dazu in der Lage – weil ein jeder über ungeheure Kraft- und Energiequellen in sich verfügt. Die kann man bei einer Tour wie der Besteigung der Zugspitze gut kennenlernen. Solche Bergwanderungen als Coachingerlebnis sind beliebt. Der Trainer Steve Kröger etwa führt Führungskräfte sogar auf den Kilimandscharo. Auf dem Weg zum Gipfel werden Führungspersönlichkeiten geformt, heißt es bei den Veranstaltern. Ich will herausfinden, ob das stimmt, und mache mit.

Gefährlich ist der Trip nicht wirklich, aber auf die leichte Schulter zu nehmen eben auch nicht. Die Teilnehmer müssen körperlich gesund und zumindest grundlegend fit sein. Außerdem ist eine vernünftige Ausrüstung zwingend. Jedes Jahr verunglücken auf der Zugspitze unerfahrene Wanderer, die nur in Turnschuhen, oft in völlig unangemessener Kleidung, ohne Stöcke und ausreichend Wasser den Weg auf den Gipfel nehmen und sich dabei überschätzen. Auch ich werde feststellen, dass drei Liter Wasser die Minimalversorgung sind und es schon im Spätsommer Handschuhe und einer dicken Winterjacke bedarf, um oben gut durchzukommen.

Linz nimmt mit seinen Leuten die einfachste Strecke auf den Berg, da fast kein Klettern auf die Wanderer wartet. Doch sie ist zugleich die längste (21,4 Kilometer) und somit eine dauerhaft recht anstrengende Route durch das Reintal auf die Zugspitze. Es ist der Weg, den auch die Erstbesteiger nahmen. In den Wanderführern wird der Weg als ideale Zwei-Tages-Tour für Wandererfahrene geschildert. Aber auch Einsteiger können die Route gehen, denn sie hält eine Last-Exit-Option bereit: Wer kurz unter der Spitze am Sonn-Alpin keine Kraft mehr hat oder einfach zu viel Angst bekommt, kann bequem die Bahn zum Gipfel nehmen. Und spart sich die letzte, je nach Kraft ein bis zwei Stunden dauernde Tortur über Klettersteige, an steilen Abhängen entlang und über Felsspalten hinweg. Das ist auch mein Plan, das letzte Stück per Bahn zu nehmen. Sicher ist sicher, außerdem bin ich die einzige Frau in der Gruppe.

Im Kampf gegen die Höhenangst

Los geht der Sturm auf Zugspitze um vier Uhr morgens am Bahnhof in Garmisch-Partenkirchen, wo sich die ersten Teilnehmer treffen. Die Ansage: Die ersten 18 Kilometer werden in einem sehr zügigen Tempo gegangen, denn zwischen 15 und 16 Uhr müssen wir auf dem Gipfel sein, wollen wir die letzte Bahn ins Tal noch bekommen. Verspäten wir uns, sind wir aber nicht schutzlos dem Berg ausgeliefert. Wir könnten dann entweder wieder hinunter wandern oder oben in einem Sternehotel zu einem stattlichen Preis übernachten.

Offiziell beginnt die Route am Olympia-Skistadion mit der eindrucksvollen Skischanze. Hier sammeln wir weitere Teilnehmer auf, dann geht es im Finsteren mit Taschen- oder Stirnlampen Richtung Partnachklamm. Die Teilnehmer sind zwischen Mitte 20 und Ende 30 und alle recht sportlich. Drei junge Männer aus einer Werbeagentur in Köln machen mit, um ihre sportlichen Grenzen auszutesten, ein Architekt aus Leipzig will seinen Kopf frei kriegen, ein junger Physiotherapeut will fitter werden, und ein junger Unternehmensgründer aus Österreich macht bereits zum dritten Mal mit. Er liebe solche Touren, weil er dabei seine Willenskraft stärken könne, sagt er. Ich will herausfinden, ob ich mit den Männern mithalten kann. Und außerdem etwas gegen meine Höhenangst tun. 

Allerdings kommen mir gleich zu Beginn der Tour Zweifel: Die Partnachklamm bei Nacht hat etwas Bedrohliches. Sie erinnert mich an die sagenumwobene Viamala-Schlucht. Zerklüftete Schluchten, über Jahrtausende durch die Gewalt des Wassers ausgehoben. Zum Staunen bleibt keine Zeit. Nieselregen fällt auf uns herab, es ist ziemlich kalt. Schon jetzt wiegen die drei Liter Wasser im Rucksack und der Proviant sehr schwer. Ich ziehe meine Kapuze eng um den Kopf. An einer Stelle tritt der Wildbach über das Ufer. Das Wasser steht so hoch, dass selbst die besten Wanderschuhe nass würden. Man muss an der Seite am Fels etwas hochklettern, um trocken zu bleiben. Das fällt mir schwer. Für kurze Zeit falle ich zurück. Ein beklemmendes Gefühl, denn ich habe keine Lampe dabei und stürze panisch im Stockdunkeln der Leuchte meines Vordermannes hinterher. Irgendwann habe ich den Anschluss wieder.