Nehmen Sie sich ein weißes Blatt Papier und zeichnen eine Szene, wie die deutsche Wirtschaft im Jahr 2125 aussehen könnte. Sie haben zwei Minuten Zeit.

Gefällt Ihnen nicht? Wie wäre es mit folgender Aufgabe: Töpfern Sie die Stadt der Zukunft. Auch nicht? Dann schreiben Sie eine Kurzgeschichte, in der die Begriffe "Silvester", "Blumenerde", "Gurkensalat", "Exportquote" und "Weltfrieden" vorkommen.

Sie haben keine Idee? Dann wars das wohl mit der Karriere.

Diesen Eindruck könnte man derzeit gewinnen. Wer nicht kreativ ist, kann sich die Karriere abschminken, so das Dogma vieler Berater, Coaches und anderer Experten. Deshalb wird schon in der Kita mit allen Mitteln die Kreativität gefördert. Und wer beruflich vorankommen will, der nimmt regelmäßig an entsprechenden Seminaren und Kursen teil und töpfert und brainstormt, was das Gehirn hergibt.

Löblich. Und überflüssig.

Solche Seminare schaden zwar nicht - aber sie nutzen eben auch nichts. Das bestätigt zum Beispiel der Psychiater und Kreativitätsforscher Rainer Holm-Hadulla: "Kreativität kann man nicht in Kursen lernen". Wer das glaubt, sei bestenfalls naiv. 

"In Seminaren werden zu viele Reize gesetzt", sagt Holm-Hadulla. "Aber Kreativität benötigt Freiräume.". Dafür brauche es ein Wechselspiel von konzentrierter Arbeit und freiem Phantasieren.

Das lässt sich auch neurobiologisch beweisen. Wenn man sich das Gehirn im Kernspintomografen anschaut, lässt sich erkennen, dass verschiedene Gehirnregionen Netzwerke bilden, die direkt oder indirekt miteinander verbunden sind oder abhängig voneinander aktiv sind. Und es gibt Ruhenetzwerke. Sie werden aktiv, wenn wir nicht bewusst denken. 

Es ist nämlich nicht so, dass sich unser Gehirn ausruht, wenn wir auf dem Sofa dösen. Die Hirnaktivität im Ruhezustand verschlingt sogar bis zu 20 Mal mehr Energie als bewusstes Denken.

In unserem Kopf geht es also vor allem dann rund, wenn wir tagträumen. Das fand zum Beispiel Mark Halko von der Universität Boston heraus.

In seiner Studie legte er dar, wie sich das Gehirn im Ruhemodus mit sich selbst beschäftigt, Eindrücke verarbeitet und sich für neue Aktionen bereit macht. Es steht gewissermaßen nervös trippelnd in den Startlöchern und wartet auf das Signal für die nächste Aktion.

Wer sich also in einem Seminar 90 Minuten, drei Stunden oder vier Tage lang mit aller Intensität darauf konzentriert, möglichst kreativ zu sein und auf Knopfdruck eine tolle Idee zu haben, bekommt sie wahrscheinlich erst nach dem Seminar – wenn er bei einer Tasse Kaffee auf dem Balkon sitzt.

Denn Kreativität ist die Fähigkeit, Neues zu erschaffen beziehungsweise Probleme mit neuen Mitteln zu lösen. So formuliert es Teresa Amabile, Professorin für Management an der Harvard Business School und Kreativitätsforscherin, in ihrer Studie Creativity in Context. Und um etwas Neues zu schaffen, muss Bekanntes neu kombiniert werden, wie Holm-Hadulla sagt. "Selbst Genies wie Mozart und Picasso haben das, was sie gesehen, gehört und gelernt haben, weiter entwickelt." Dafür muss das Gehirn aber zumindest kurz in Ruhe gelassen werden. "Es ist neurobiologisch nachweisbar, dass der kreative Flow immer erst nach einer Anstrengung kommt", sagt Holm-Hadulla. 

Heißt konkret: Beschäftigen Sie sich mit einem Problem, lesen Sie eine Studie, gehen Sie dann einen Tee trinken oder im Park spazieren. Und wenn Sie zurück am Schreibtisch sind, hat Ihr Gehirn eine Idee für Sie parat.

Wie Kreativität beeinflusst wird

Das heißt natürlich nicht, dass sich Kreativität überhaupt nicht fördern oder beeinflussen lässt. Um den richtigen Ansatz zu finden, muss man allerdings wissen, wie Kreativität entsteht. Laut Experte Holm-Hadulla wird diese Fähigkeit von fünf verschiedenen Faktoren beeinflusst:

  • Begabung
  • fachliches Wissen und Können
  • intrinsische Motivation
  • Persönlichkeitseigenschaften
  • geeignete Umgebung

"Um Kreativität zu fördern, muss man die Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren berücksichtigen", sagt er. Begabung beispielsweise könne man nicht züchten, sondern nur erkennen. Wird eine Begabung nicht erkannt und gefördert, wird auch aus dem musikalischsten Kind weder Komponist noch Klaviervirtuose.