Klagen wegen sexueller Belästigung, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen eine bekannte Videospielkritikerin und erst jüngst die mehr als ungeschickte Karma-Bemerkung des Microsoft-Chefs Satya Nadella. Das Silicon Valley hat ein Sexismusproblem, das lässt sich wohl nicht mehr bestreiten. Alleine in den letzten Monaten haben gleich mehrere prominente Frauen ihren Arbeitgeber wegen sexueller Belästigung und Diskriminierung verklagt. Darunter auch die Mitgründerin und ehemalige Marketing-Chefin der Onlinedating App Tinder, die ihrem Chef unter anderem die Behauptung vorwirft, dass eine Frau im Gründungsteam die Firma "wie einen Witz aussehen lässt". Auch Julie Ann Hovath, Personalchefin bei GitHub, dem wohl bekanntesten Hostingdienst für Softwareentwicklungsprojekte, verließ Anfang des Jahres ihre Firma, der sie ein Klima der Einschüchterung bescheinigt.

Ein systematisches Problem

Wer diese Fälle für medienwirksame Ausnahmen hält, kann sich den Trailer der neuen HBO-Serie Silicon Valley anschauen und zählen, wie viele Frauen es in den dreiminütigen Clip geschafft haben (die Antwort: Eine einzige und die ist nicht Hackerin, sondern Stripperin). Auch wenn die Serie Satire ist, jüngste Zahlen der Internetkonzerne Google, Apple und Facebook bestätigen dieses Bild. Nur dreißig Prozent der weltweiten Angestellten sind Frauen, auch weil die Quote in technischen Berufen bei mageren fünfzehn und zwanzig Prozent liegt.

Diese drastischen Unterschiede lassen sich nicht nur durch eine größere Anzahl an männlichen Absolventen in technischen Studiengängen erklären. Eine Studie des Harvard Business Review aus dem Jahre 2008 zeigt, dass 52 Prozent der Frauen die Technologiebranche in der Mitte ihrer Karriere wieder verlassen – fast doppelt so häufig wie Männer. Hauptgrund ist nicht die Familiengründung, sondern ein als feindselig empfundenes Arbeitsumfeld.

Das Problem fängt bei Firmengründungen an. Weniger als fünf Prozent der Start-ups, die eine begehrte Wagniskapitalspritze bekommen, haben mindestens eine Frau im Vorstand (siehe eine Studie des Diana Projects). Dieses Bild bestätigt auch eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) aus dem Jahre 2013: Selbst bei identischen Inhalten und Pitches haben männliche Gründer eine 40 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, eine Wagniskapitalfinanzierung zu erhalten.

Die Geek-Meritokratie

Auch wenn es nicht zum Selbstbild der angeblich egalitären und leistungsgerechten Branche gehört – das Silicon Valley hat ein Minderheitenproblem. Das perfide an den momentanen Ungleichheiten in der Technologiebranche ist, dass die Branche sich gleichzeitig als Paradigma einer neuen Arbeitswelt versteht. Das Idealbild des (männlichen, weißen oder asiatischen) Nerds im Kapuzenpulli ist auch deshalb so verführerisch, weil es den Sieg von Leistung und Genie über Alter und Konventionen verspricht. So heißt es passend in der ersten Staffel von Silicon Valley: "Was wir hier tun hat nichts mit Magic zu tun, sondern verdammt noch mal mit Talent und Schweiß."

Lean-in Feminismus

Vielleicht gerade weil das Problem nicht mehr zu leugnen ist, hat sich im Valley ein ganz eigener Typus von Feminismus entwickelt. Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook und mehrfache Mutter ist zu dessen Ikone geworden. Lean-in, also "häng dich rein", ist ihr Rat an junge Frauen und meint damit vor allem das Überwinden von inneren Barrieren. Die anschaulichsten Beispiele für weibliche Selbstsabotage liefert Sandberg aus ihrer Zeit als Topmanagerin bei Google. Während Männer ihr für neue Herausforderungen und mehr Geld die Tür einrannten, musste sie Frauen zu neuen Aufgaben regelrecht schubsen. Nur die Hälfte ihrer Harvard- Kommilitoninnen arbeiten überhaupt vollzeit. Was auch immer dein Ziel ist im Leben, sei so ehrgeizig wie du nur kannst!

Es ist kaum verwunderlich, dass der jüngste Vorstoß zu Social Freezing genau in diesem Sinne interpretiert wurde. Weibliche Mitarbeiterinnen können sich nun "voll und ganz reinhängen", resümierte zum Beispiel die amerikanische Zeitschrift Forbes. Das Schlagwort ist empowerment, oder auf Deutsch: Ermächtigung. Im selben Tenor liest sich auch die offizielle Pressemitteilung von Apple: "Wir möchten unsere Mitarbeiterinnen empowern, die beste Arbeit ihres Lebens zu machen, für ihre Lieben da zu sein und ihre Familie großzuziehen."