ZEIT ONLINE: Herr Wallraff, Sie haben in Ihren Undercover-Reportagen schlimmste Arbeitsbedingungen kennengelernt. Können Sie noch daran glauben, dass die Arbeitswelt in Zukunft eine bessere sein wird?

Günter Wallraff: Ich glaube, man muss wieder Utopien zulassen, man muss auch ins Unreine denken dürfen, wir brauchen Visionen. Denn das sollten wir nicht vergessen: Die positiven Realitäten von heute, wie beispielsweise die Gleichstellung der Frau, Kinder- und Minderheitenrechte, Arbeitsschutzgesetze und Umweltschutzbestimmungen, waren die häufig verspotteten Visionen und Utopien von einst. Es ist nichts anderes, wenn wir heute die Bewahrung der Natur, Entschleunigung oder eben menschengerechte Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitverkürzung fordern. Wir brauchen auch Spinner und Utopisten, wenn wir an der Realität von morgen bauen wollen.

ZEIT ONLINE: Sind Sie so ein Spinner?

Wallraff: Ich habe mich zumindest mein Leben lang für eine menschenfreundlichere Arbeitswelt eingesetzt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihre Vision für die Arbeit von morgen aus?

Wallraff: Wir sollten zu kleinteiligeren Arbeitsformen mit überschaubaren Arbeitsprozessen zu-rückkehren, die persönlich erträglich und ökologisch nachhaltig sind und Spaß machen. Der Mensch soll sich in seiner Arbeit wieder selbst verwirklichen. Darüber hinaus sollte jeder auch neben seiner Arbeit genügend Freizeit und Freiräume zur Entfaltung haben.

Ich glaube, das heutige Wirtschaftssystem ist in der jetzigen Art und Weise nicht erhaltenswert. Es baut auf immerwährendes Wachstum und optimale Effektivität. Das ist realitätsfern und selbstzerstörerisch. Deshalb plädiere ich dafür, Wachstum in dem Sinne zu entwickeln, dass neue soziale Dienstleistungen entdeckt und der ganze Pflegebereich aufgewertet wird, sodass neue Formen des Zusammenlebens entstehen können. Wir brauchen mehr Austausch und ge-genseitige Unterstützung zwischen Älteren und Jüngeren. An solchen Schnittstellen können völlig neue Berufe entstehen. Das ist dann auch Wachstum – qualitatives Wachstum.

ZEIT ONLINE: Sie beobachten seit gut 50 Jahren, wie sich die Arbeitsgesellschaft verändert. An welchem Punkt in der Geschichte der Arbeit befinden wir uns momentan?

Wallraff: Ich war Callcenter-Agent, Hilfsbäcker für Lidl und Paketauslieferer und erlebte, wie meine Kollegen in all diesen Tätigkeiten erniedrigt und aufs Übelste ausgebeutet wurden. Bei Amazon oder Zalando etwa gibt es eine enorme Arbeitszeitverdichtung. Die zieht eine Kaskade der Ausbeutung nach sich. Ich habe in den letzten Monaten wieder viel in der Paketbranche recherchiert – einem Tentakel dieses Kraken Amazon. Dies sind die letzten in dieser Kette. Da sind viele mit 14 Stunden und länger ohne Pause pro Tag unterwegs, verdienen unterm Strich zwischen drei, vier oder fünf Euro pro Stunde. Prekäre Arbeitsverhältnisse, bei denen die Menschenwürde auf der Strecke  bleibt. Viele Hilferufe, die mich erreichen, kommen aus dieser Branche.

Gleichzeitig war ich stolz, an der Seite von Menschen zu arbeiten, die trotz dieser von außen kaum vorstellbaren Widrigkeiten ihren Buckel hinhielten, sich das Kreuz aber nicht brechen ließen. Ein zunehmendes Heer von Armutsbeschäftigten muss heute seine Arbeitskraft billig verkaufen, weil es auf Teufel komm raus Jobs braucht. Ein Erfahrungssatz aus der Frühzeit des Kapitalismus ist wieder bittere Realität geworden: "Weil du arm bist, musst du früher sterben". 

Der "Datenreport 2013" etwa stellt klar, dass die Lebenserwartung von armen Menschen hierzulande zehn Jahre unter der durchschnittlichen Lebenserwartung liegt. Ein Umstand, den der Präsident der Bundesärztekammer Montgomery "eine Schande für Deutschland" nennt. Wir brauchen wieder eine Solidarisierung mit den Schwächeren, Hilfsbedürftigen und sozial Benachteiligten, mehr Respekt und Achtung auch und gerade vor der einfachen Arbeit. Eine solche Neubewertung der Arbeit schließt eine anständige Bezahlung von harter körperlicher oder sozialer Arbeit ein.

ZEIT ONLINE: Gibt es neue Schichten, die zu den Abgehängten in Deutschland gehören?

Wallraff: Ja, es sind vor allem die Unterschichten und die untere Mittelschicht. Hier treffe ich Menschen, die sich nicht mehr selbst bestimmen, die ein normales Leben nicht mehr finanzieren können, deren Familien zugrunde gehen oder die gar nicht erst Familie gründen können. Deutschland hat mit 22,2 Prozent den größten Anteil an Niedriglöhnen unter Europas Kernländern – mehr sogar als der Durchschnittsprozentsatz aller EU-Länder. Und was die Überalterung der Gesellschaft betrifft, ist Deutschland Spitzenreiter in Europa. Ich habe zuletzt in der Paketbranche gearbeitet, weil ich immer wieder Zuschriften bekam, die sagten, dass es da nicht mehr auszuhalten sei. Daraufhin habe ich mir das dann selbst angetan. Ich fühlte mich hineinkatapultiert in frühkapitalistische Zeiten und traf Menschen, die mit den letzten Schrottkarren unterwegs waren, um mit drei oder vier Euro pro Stunde über die Runden zu kommen. Das sind Menschen, die arbeiten sehr hart, aber sie kommen kaum aus der Armut.

ZEIT ONLINE: Haben Ihre Recherchen etwas verändert?

Wallraff: Trotz zahlreicher Ankündigungen zur Besserung als Reaktion auf meine letzten Berichte hat sich bislang nicht sonderlich viel in der Branche geändert. Zwar wurden zum Teil neue Leute eingestellt, damit die Fahrer nicht mehr zwölf bis 14 Stunden am Stück schuften müssen. Bislang überwiegen aber die Ankündigungen. Ich bekomme fast jeden Tag neue Zuschriften von Betroffenen. Oft schreiben mir Fahrer, die in die Falle gelockt werden, indem man sie zu Kleinunternehmern gemacht hat. Aber die Konzerne verlagern nur ihre Verantwortung an Subfirmen. Denn in ihren Depots haben die Paketkonzerne Hausrecht. Wenn den Paketkonzernen ein Fahrer nicht mehr passt oder ihnen zu kritisch wird, erteilen sie ihm einfach Hausverbot. So kann der Fahrer nicht mehr an seine Arbeitsstätte kommen, und der Subunternehmer ist gezwungen, ihn zu entlassen. Soweit es hier keine spürbaren Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gibt, werde ich deshalb weiter an der Branche dranbleiben.

ZEIT ONLINE: Als Verbraucher üben wir mit unserem Konsumverhalten einen indirekten Einfluss auf die Entwicklung der Arbeitswelt aus. Welche Wirkung wird unser Verhalten auf die Zukunft der Arbeit haben?

Wallraff: In den Schulen müsste bereits Verbraucherverantwortung gelehrt werden. Das fängt mit dem Umwelt- und Tierschutz an und geht über die Auswirkungen des Online-Handels auf die Arbeitsbedingungen in diesen Branchen bis hin zum persönlichen Umgang mit Smartphones und dem Internet. Andererseits: Eine Utopie der 1968er-Bewegung ist durch die Digitalisierung zur Realität geworden. Der Konsument kann gleichzeitig zum Produzenten von Nachrichten werden. Das kann Veränderungspotenziale zum Besseren freisetzen und so die demokratische Mitsprache in der Gestaltung unseres Wirtschaftslebens stärken.

Wir als Verbraucher sind hier gefordert und haben sogar die Hauptverantwortung. Es ist momentan der Trend, sich möglichst schnell das billigste Produkt liefern zu lassen. Konsumsucht und sofortige Bedürfnisbefriedigung. Egal auf wessen Kosten. Es zahlen aber immer welche drauf, wenn dann Produkte auch noch kostenlos zurückgeschickt werden können.