"Ein Traum ist kein Ziel" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Troger, Sie wurden ohne linkes Bein und linke Hüftpfanne geboren. Trotzdem sind Sie heute ein passionierter Triathlet. Wie absolviert man den Ironman ohne zwei Beine?

Christian Troger: Indem man sich dieses Ziel setzt und sich ihm dann Schritt für Schritt nähert. Für einen Triathlon braucht man nicht unbedingt zwei Beine. Natürlich ist für den Marathonlauf eine Beinprothese nötig, beim Schwimmen und Radfahren stört sie teilweise aber nur.

ZEIT ONLINE: Die Ärzte sagten Ihren Eltern bei Ihrer Geburt, dass Sie niemals laufen würden.

Troger: Das war ein Irrtum. Ich habe schon im Alter von einem Jahr in einer Spezialklinik in Heidelberg eine Prothese erhalten und kurz darauf laufen gelernt. Die Prothesen wurden in meiner Kindheit etwa jedes halbe Jahr angepasst, bis ich 18 Jahre alt war.

ZEIT ONLINE: Hat Sie Ihre Behinderung also nicht beeinträchtigt?

Troger: Doch – beim Berufseinstieg habe ich gemerkt, dass man als Mensch mit einem Handicap schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Sind Behinderte einmal in einem Unternehmen eingestellt, ist es sehr schwer, sie zu kündigen. Diese Regelung hält viele Arbeitgeber davon ab, überhaupt einen Behinderten einzustellen. Ich habe eine Handelsschule besucht und fand einen Job im öffentlichen Dienst. Das war nicht unbedingt das, was ich mir erträumt hatte. Ich habe dann angefangen, nebenbei als selbständiger Handelsvertreter zu arbeiten.

ZEIT ONLINE: Warum?

Troger: Ich bin ein Mensch, der die Herausforderung sucht. Das zog sich durch meine Kindheit und Jugend. Ich wollte sein wie die anderen und mich durch meine Behinderung nicht beeinträchtigen lassen. In der Schule beispielsweise war ich eigentlich vom Sportunterricht freigestellt. Aber ich habe trotzdem mitgemacht, weil ich mich von meinen Klassenkameraden nicht unterscheiden wollte. Und mir hat Sport immer viel Spaß gemacht.

ZEIT ONLINE: Wollten Sie schon immer Ironman werden?

Troger: Nein, überhaupt nicht. 2005 war ich zufälligerweise als Besucher beim Ironman in Klagenfurt. Ein Freund und ich sind hingefahren, um eigentlich eine Party zu besuchen. Aber als ich dann gesehen habe, wie die Athleten sich mit schmerzerfüllten Gesichtern und einem klaren Ziel vor Augen ins Ziel kämpften, hat mich die Idee gepackt: Das will ich auch mal machen.

ZEIT ONLINE: Was hat Ihr Freund dazu gesagt?

Troger: Dem habe ich das zunächst gar nicht gesagt. Vermutlich hätte er gesagt, dass ich spinne und es mit nur einem Bein gar nicht möglich sein würde. Und in meinem damaligen Fitnesszustand erst recht nicht. Aber die Idee hat mich nicht losgelassen. In den Monaten danach habe ich immer wieder darüber nachgedacht. Aber es dauerte noch ganze drei Jahre, bis aus dem Traum ein Ziel wurde, das ich dann auch erreicht habe.

ZEIT ONLINE: Was hat dazu geführt?

Troger: 2008 fand wieder ein Ironman in Österreich statt. Diesmal bin ich nicht nur wegen der Party hingefahren, sondern als Besucher, der auch Interesse an der Sportveranstaltung hatte. Da reifte der Entschluss, den Traum zu verwirklichen.

ZEIT ONLINE: Die Ironman-Distanz besteht aus 3,86 Kilometern Schwimmen, 180,2 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Marathon.

Troger: Und zwar in einer Zeit von unter 17 Stunden. Man startet um 7 Uhr am Morgen und muss bis Mitternacht im Ziel sein.

ZEIT ONLINE: Was hat Ihr Arzt dazu gesagt?

Troger: Er hat gesagt, dass es unmöglich wäre, mit einem Bein und einer fehlenden Hüftpfanne Marathon zu laufen. Ich hatte angenommen, dass ich dazu in der Lage wäre, weil ich ja auch gehen konnte. Aber das Laufen mit einer Prothese ist viel belastender, es gibt schnell Wundstellen. Sehr viel einfacher dagegen ist es, mit nur einem Bein zu schwimmen oder Rad zu fahren.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das denn? 

Troger: Schwimmen kann man ohne Prothese nur mit dem Oberkörper. Bei einem Ironman ist das sowieso eine gute Idee. Man nutzt die Kraft des Oberkörpers beim Kraulen und schont die Beine. Beim Radfahren kann man auch auf die Prothese verzichten, man benötigt dann aber etwas mehr Kraft als Athleten ohne Handicap. Schwieriger ist der Marathon. Denn dafür benötigt man zwei Beine – oder eine spezielle Sportprothese. Läufer mit Prothese sind allerdings etwas langsamer.

"Es kommt auf den Sinn hinter dem Ziel an"

ZEIT ONLINE: 2011 haben Sie dann den Ironman geschafft – in unter 17 Stunden. Wie war das?

Troger: Es war ein Kampf. Besonders beim Marathon bestand der letzte Teil der Strecke aus zusammenbrechen, aufstehen, ein paar Schritte laufen, wieder zusammenbrechen und sich erneut aufraffen. Ich war nach 16,5 Stunden im Ziel und über diese Zeit enttäuscht, weil ich eigentlich besser sein wollte. Aber noch im Ziel wurden aus den Schmerzenstränen Tränen der Freude, denn ich wusste: Aus meinem Traum ist ein Ziel geworden. Eines, durch das ich auch physisch gelaufen bin. In diesem Moment wusste ich, dass es auf den Sinn ankommt, den man einem angepeilten Ziel gibt. Mit einem Sinn dahinter ist man in der Lage, auch die letzten Kraftreserven zu mobilisieren und echte Höchstleistungen zu erbringen. 

ZEIT ONLINE: Sie haben aus Ihrer Geschichte ein Buch gemacht und halten Vorträge vor Führungskräften. Was können Chefs von Ihnen lernen?

Troger: Ich hoffe, dass ich vermitteln kann, wie man sich selbst und andere motiviert. Viele verwechseln Träume mit Zielen. Und wundern sich dann, warum sie diese nie erreichen. Wer als Unternehmer nur Träumen hinterherjagt, wird nicht dauerhaft erfolgreich sein oder am Markt bestehen können. Und wer als Chef versucht, mit Träumen seine Mitarbeiter zu motivieren, der wird sein Team nicht dazu bringen, ihm zu folgen. Aus einem Traum wird erst dann ein Ziel, wenn man einen konkreten Sinn dahinter erkennt. Und dieser Sinn muss einen Wert nicht nur für mich selbst haben, sondern auch für diejenigen, die mir dabei helfen, es zu erreichen.

Darum sind bloße Unternehmenskennziffern kein gutes Ziel. Warum sollten sich Mitarbeiter dafür ins Zeug legen, nur damit die Bilanz stimmt? Sie sind hingegen motivierter, den Gewinn zu steigern, wenn sie wissen, dass sie daran beteiligt werden, beispielsweise direkt durch ihr Gehalt. Und neben Geld kommt es auf ideelle Werte an.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Troger: Ich wollte mit dem Triathlon vor allem mir selbst beweisen, dass ich mich von meiner Behinderung nicht einschränken lasse. Dass ich sogar mit ihr noch mehr leisten kann als die meisten gesunden Menschen. Das war ein ideelles Ziel. Aber es galt nur für mich selbst. Wer Menschen führen und sie dazu bringen muss, für ein Ziel zu arbeiten, das nicht ihres ist, der muss sich die Frage stellen: Welcher ideelle Wert für meine Mitarbeiter steckt dahinter? Das kann zum Beispiel sein, Teil eines besonderen Teams oder eines einzigartigen Projektes zu sein. Es kann auch ein gesellschaftliches Ziel sein – viele gemeinnützige Organisationen arbeiten über eine solch ideelle Motivation ihrer Mitarbeiter. Ein Traum ist insofern immer nur eine Basis für eine Vision. Aber erst ein konkreter Mehrwert macht daraus ein Ziel.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Grenzen?

Troger: Sie sind wichtig. Und man muss sich klar darüber sein, dass nicht alle Grenzen überwunden werden können. Aus mir wird nie ein Fußballstar – denn dafür braucht man zwei Beine. Darum ist es wichtig, dass man prüft, ob sein Ziel realistisch ist. Als Behinderter mit nur einem Bein, aber einer Prothese am Ironman teilzunehmen, ist eine besondere Herausforderung, aber eine realistische. Ein Fußballprofi zu werden, ist es nicht. Auf dem Weg zum Ziel muss man außerdem auch Niederlagen einstecken können. Es gehört dazu, auch mal zusammenzubrechen oder zu versagen. Dann muss man aber wieder aufstehen und weitermachen.

ZEIT ONLINE: Sie trainieren derzeit für Ihren dritten Ironman. Welche neuen Herausforderungen haben Sie sich gesetzt?

Troger: Meine Zeit zu verbessern. Dieses Mal möchte ich die Distanz in weniger als zwölf Stunden schaffen.