ZEIT ONLINE: Sie sind aufgrund spinaler Muskelatrophie, einer schweren Muskelerkrankung, rund um die Uhr auf Assistentinnen angewiesen. Sie sagen, das hat viel mit der Rolle als Arbeitgeber und der Aufgabe einer Führungskraft zu tun. Wie meinen Sie das?

Anastasia Umrik: Auch ich muss andere Menschen dazu bringen, Ziele zu erreichen. Ich muss diese Menschen führen und anleiten. Und das so, dass sich meine Mitarbeiterinnen dabei wohlfühlen und Spaß bei der Arbeit haben – und mein Alltag sich am Ende so gestaltet, dass ich von ihrem Einsatz profitiere. Denn meine Freiheit und Lebensqualität hängt von den Assistentinnen ab. Und mein Ziel ist es, dass es mir egal sein kann, welche Assistentin morgen kommt – weil alle gleich gut sind und die beste Leistung bringen.

ZEIT ONLINE: Was können Führungskräfte von Ihnen lernen?

Umrik: Ehrlichkeit und offene Kommunikation. Das Geheimnis guter Führung ist meiner Meinung nach daher vor allem Ehrlichkeit und eine klare Kommunikation. Und dabei sind beide Seiten gefragt – Arbeitgeber und Mitarbeiter.

Simples Beispiel: Wenn ich etwas zu trinken möchte, muss ich mir vorher Gedanken darüber machen, was ich trinken möchte und in welchem Glas ich es bekommen möchte. Möchte ich etwas essen, muss ich nicht nur kommunizieren, was ich essen möchte, sondern auch, wie ich es haben möchte. Viele Führungskräfte geben abstrakte Ziele vor und überlassen es den Beschäftigten, wie sie die Ziele erreichen. Hinterher gibt es dann aber Kritik an der Umsetzung. Das demotiviert. Besser ist es, konkret zu benennen, wie ein Ziel erreicht werden soll – oder aber an der Umsetzung keine Kritik zu üben und echten Freiraum für Entscheidungen zu lassen.

ZEIT ONLINE: Aber fühlen sich Mitarbeiter nicht bevormundet, wenn alles im Detail erläutert wird?

Umrik: Es geht ja nicht um Bevormundung, sondern um klare Kommunikation und echtes Vertrauen. Ich nehme mir beispielsweise bei der Einarbeitung einer neuen Assistentin sehr viel Zeit fürs Kennenlernen. Erkläre ihr etwa, wie sie mir meine Socken anziehen soll. Dann muss ich mir vorher genau überlegen, wie ich es ihr erkläre. Denn ich habe mir ja noch nie die Socken selber angezogen. Diese klare und strukturierte Kommunikation kostet zwar anfangs viel Zeit, rechnet sich langfristig aber. Wenn ich weiß, wie mein Körper funktioniert und wie meine Assistentin arbeitet, können wir beide erfolgreich etwas entwickeln. Wenn ich mir diese Zeit zum Kennenlernen nicht nehmen würde, würde ich in unserer täglichen Zusammenarbeit zu viel Zeit für Erklärungen vertrödeln. Ich investiere die Zeit für ein einfacheres Leben.

Gute Führung erfordert daher meiner Meinung nach nicht nur Ehrlichkeit und offene Kommunikation, sondern auch eine gute Balance zwischen Freundschaft und Professionalität.

ZEIT ONLINE: Wie schaffen Sie Vertrautheit?

Umrik: Ich erzähle viel von mir und meinem Tagesablauf. Damit es gar nicht erst zu Missverständnissen kommt, habe ich einen Leitfaden für den Umgang und die Arbeit mit mir geschrieben. Da erläutere ich beispielsweise, wo meine Grenzen sind und was mir wichtig ist. Jede neue Assistentin erhält den Leitfaden. So lernt sie mich gleich gut kennen. Kommt es dennoch zu Situationen, die für mich nicht funktionieren, spreche ich es sofort an. So können sich Spannungen gar nicht erst aufbauen. Ich habe auch keine andere Wahl. Ich brauche für viele Dinge im Leben Unterstützung – vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Ohne Vertrauen würde kein Tag bei mir funktionieren. Ich gehe aber auch immer erst mal vom Guten aus und weiß, dass mir meine Assistentinnen nicht mit Absicht wehtun würden.

ZEIT ONLINE: Was machen Führungskräfte in der Wirtschaft Ihrer Meinung nach zu oft falsch?

Umrik: Viele Chefs kommunizieren nicht klar genug. Vielleicht weil sie sich ihrer Ziele selbst nicht klar sind. Und viele sind nicht empathisch genug und ihnen fehlt Selbstwirksamkeit. Klappt etwas nicht, gebe ich nicht automatisch meinen Assistentinnen die Schuld. Ich beobachte, dass manche Chefs dazu neigen, die Schuld vor allem bei den Mitarbeitern oder den Umständen zu suchen statt bei sich. Ich glaube, besser ist es, stets respektvoll und wertschätzend mit anderen umzugehen. Und dabei nicht den Humor zu vergessen. Das gelingt vielleicht nicht jeden Tag. Aber es kommt ja auch vor allem auf die Absicht an.