Sie war die beste Kundin der Kleiderkammer. Sie kannte jeden Secondhandladen. Wenn es unter den Kleinanzeigen "zu verschenken" hieß, griff sie als Erste zum Telefon. "Meine Kinder haben gebrauchte Ein-Euro-Pullover getragen. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr konnten wir uns keine neuen Kleider leisten und nie ein neues Spielzeug", erzählt Nicola Müller*. Die 44-Jährige sorgt seit der Trennung von ihrem früheren Partner allein für die gemeinsamen beiden Kinder. Als berufstätige und alleinerziehende Mutter eines Sohnes und einer Tochter war es schon schwer genug, ein normales Leben zu führen und Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Als alleinerziehende Mutter, die nie einen Cent Unterhalt für ihre Kinder bekommen hat, war es ungleich schwerer, nicht zu verarmen. Und das, obwohl sie Vollzeit in einer Führungsposition arbeitet und eine Niederlassung einer Teilzeitfirma leitet. Damit das Geld reicht, besserte sie lange Zeit ihr Gehalt am Wochenende mit Nebenjobs auf.

Mit ihrem Problem befindet sich Müller in überwiegend weiblicher Gesellschaft: 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Sie sind besonders von Armut bedroht. Und der Hauptgrund für den sozialen Abstieg von Alleinerziehenden ist der nicht gezahlte Kindesunterhalt. Nach Angaben des Bundesverbandes alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) erhalten 75 Prozent der Kinder mit Anspruch auf Unterhalt diesen gar nicht oder nur in unzureichender Höhe. Familien mit nur einem Elternteil haben mit rund 42 Prozent das größte Armutsrisiko aller Familienformen und das, obwohl die Erwerbstätigkeit alleinerziehender Frauen hoch ist und weiter steigt.

Um welche Summen geht es, die für die Existenz der sogenannten Ein-Eltern-Familien extrem wichtig sind? Der Mindestunterhalt, den meistens der von der Familie getrennt lebende Vater zahlen muss, beträgt 384 Euro. Von diesem Betrag wird das Kindergeld zur Hälfte angerechnet – oder besser gesagt – abgezogen. Unterm Strich bleiben für ein sechs– bis elfjähriges Kind 289 Euro. Für jüngere Kinder bis einschließlich fünf Jahre liegt der Zahlbetrag bei 240 Euro. Für Zwölf- bis 17-Jährige lautet die ebenfalls vom Kindergeld bereinigte Summe 355 Euro. Zahlt ein Elternteil diesen Unterhalt nicht, hilft das Jugendamt den Alleinerziehenden mit einem Unterhaltsvorschuss. "Diese staatliche Unterstützung ist sehr wichtig für die Ein-Eltern-Familie. Doch sie fällt deutlich niedriger aus als der Mindestunterhalt und endet dann, wenn ein Kind teuer wird: Nach 72 Monaten und spätestens bis zum zwölften Lebensjahr ist Schluss", kritisiert Nicola Berkhoff, Vorstandsmitglied im VAMV in Nordrhein-Westfalen.

Konkret heißt das: Der Unterhaltsvorschuss beträgt – weil vom Mindestunterhalt das volle Kindergeld abgezogen wird – für bis einschließlich Fünfjährige lediglich 145 Euro und für Sechs- bis Elfjährige 194 Euro. Trennen sich die Eltern, wenn Kinder älter als zwölf Jahre sind, haben sie überhaupt keinen Anspruch auf einen Unterhaltsvorschuss. Und das, obwohl die Unterhaltspflicht bis zur Beendigung der ersten Ausbildung gilt.

Damit sind diese Trennungskinder und der erziehungsberechtigte Elternteil gleich doppelt gestraft: Auf der einen Seite wird ihnen der Kindesunterhalt vorenthalten und der ohnehin geringere Unterhaltszuschuss fällt dann auch noch weg. Dabei ist gerade bei älteren Kindern und Jugendlichen ein größerer finanzieller Aufwand nötig, um zum Beispiel Nachhilfe, Klassenfahrten, Kleidung und Freizeitaktivitäten zu finanzieren. Kein Wunder also, dass es gerade die vielen alleinerziehenden Frauen sind, die mit ihren Kindern in den Hartz-IV-Bezug abrutschen. Ihnen fehlen der Unterhalt und meistens auch der gut bezahlte Job. Laut einer Bertelsmann-Studie beziehen Ein-Eltern-Familien im Vergleich zu Paarfamilien im Bundesdurchschnitt fünf Mal häufiger Hartz IV. Jedes zweite der 1,9 Millionen Kinder, die von Grundsicherung leben, wächst in einer Ein-Eltern-Familie auf. Doch warum wehren sich die Frauen und in vereinzelten Fällen die Väter nicht? Warum verzichten sie darauf, den ehemaligen Partner zu verklagen – zumindest dann, wenn dieser zahlen könnte? Schließlich ist es auch in Deutschland eine Straftat, die Unterhaltspflicht zu verletzen.

Unterhaltszahlungen sind keine Almosen

"Viele Mütter scheuen den Konflikt mit dem Kindesvater. Sie befürchten, dass eine juristische Auseinandersetzung das Verhältnis zwischen Kind und Vater belasten könnte. Viele ziehen sich eher zurück und sagen, ich schaffe das schon alleine. Oder akzeptieren, dass der Ex-Partner viel zu wenig oder nur sporadisch Unterhalt überweist", sagt Katharina Mosel, Fachanwältin für Familienrecht aus Köln. Die Juristin rät den betroffenen Müttern, den Konflikt mit den Kindesvätern einzugehen, weil es ja um Geld für ihr Kind geht und nicht etwa um ein Almosen. 

Doch wie geht man vor, wenn man nicht weiß, wie viel der Ex-Partner an Einkommen hat und die Höhe des Unterhaltsanspruchs für das Kind entsprechend unklar ist? Fest steht, dass jedes Elternteil, das für sein Kind einen Unterhaltsanspruch vom Kindesvater (oder auch der Kindesmutter) formulieren kann, alle zwei Jahre erfragen darf, wie hoch das Einkommen ist. Zunächst reicht ein Brief mit Einwurf-Einschreiben. In diesem sollte das alleinerziehende Elternteil dem ehemaligen Lebenspartner auffordern, Unterhalt zu zahlen. Außerdem ist es wichtig, in dem Brief Auskunft über seine Einkünfte zu verlangen. Nach Angaben der Familienanwältin Mosel muss ein Selbstständiger die Steuerbescheide samt Anlagen der letzten drei Jahre vorweisen. Bei Nicht-Selbstständigen dürfen die letzten zwölf Gehaltsabrechnungen plus Steuererklärung und Bescheid angefordert werden.