Aus armen Kindern werden chancenlose Erwachsene

Die Klassenfahrt steht an. Fünf Tage Jugendherberge Norderney, so steht es im Brief an die Eltern, kosten 180 Euro. Schon am nächsten Tag bestätigt sich die Vermutung des Klassenlehrers: Sechs von 29 Kindern werden nicht am Jahresausflug teilnehmen. Wie bereits im vergangenen Jahr und im Jahr zuvor auch. In der Entschuldigung heißt es, die Kinder seien gerade in einer schwierigen Phase, die es nicht zulasse, sie aus der gewohnten Umgebung zu nehmen. "Wir alle wissen aber, dass die Eltern nicht das nötige Geld haben, um die Reise zu finanzieren", sagt der Lehrer einer Duisburger Gesamtschule. Er bedauert das sehr, kann aber nichts ausrichten. "Erstens fehlen uns die Mittel und zweitens wollen viele Eltern nicht als Almosenempfänger dastehen. Das muss man akzeptieren."

Bremen nimmt mit 33 Prozent Kinderarmut bundesweit einen denkwürdigen Spitzenplatz ein. In Berlin sind knapp 30 Prozent, in Leipzig 27 Prozent der Kinder arm, selbst im reichen Hamburg ist jedes fünfte Kind arm.

Elternarmut bedeutet immer Kinderarmut und damit Ausgrenzung von der Teilhabe an dem, was ein Leben lebenswert macht oder Bildungs- und Aufstiegschancen ermöglicht. Laut aktuellem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind in Deutschland 2,7 Millionen Kinder arm. "Das Problem ist seit Jahren bekannt. Aber wenn man den Kindern wirklich helfen will, muss man auch bei den Eltern ansetzen. Das geschieht nicht", sagt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes.

Denn niedrige Einkommen durch prekäre Arbeitsverhältnisse (85 Prozent) sowie die besondere Situation von Alleinerziehenden (75 Prozent) sind laut Statistik die Hauptgründe für fehlendes Geld in Familien und damit auch die wichtigsten Auslöser für Kinderarmut in Deutschland. "Politik wird heute nur noch für eine vermeintliche Mittelschicht gemacht. Menschen, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind, finden sich oft in dieser Politik nicht wieder und werden nicht als wahlentscheidende Zielgruppe wahrgenommen", vermutet Igor Wolansky, Referent für Jugendhilfe/Hilfen zur Erziehung und Psychiatrie beim Awo Landesverband Berlin und Mitglied der Landesarmutskonferenz Berlin.

Armut hat viele Facetten: Arm ist jenes Mädchen, das sich ein Jahr mit kaltem Wasser wusch, keine warme Mahlzeit bekam und auf elektrisches Licht verzichten musste, weil zu Hause der Strom abgestellt war. Arm ist der Junge, der keine Geburtstagseinladung annehmen darf, weil kein Geld da ist für ein Geschenk. Arm sind all die Kinder, die keinen Platz zum Hausaufgabenmachen haben, die niemals in den Zoo, ins Kino, in den Sportverein gehen und deren Eltern sich die Kleidung nicht leisten können, die gerade angesagt ist. Arm ist der Junge, der wegen mangelhafter Ernährung und Bewegung so dick ist, dass er motorisch unterentwickelt ist und die Zähne faul sind.

Die Folgen sind für die Kinder verheerend. Wer in Armut aufwächst, ist oft schlechter in viele gesellschaftliche Bereiche integriert. "Diese Kinder haben kein Selbstwertgefühl", sagt Martina Furlan, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Dortmund (Armutsquote 22 Prozent). Sie beobachtet, dass immer mehr arme Familien isoliert leben. "Bei denen gibt’s nichts Unbeschwertes. Leben, um zu überleben, bietet keine Aussicht auf ein Erfolgserlebnis." 

Die Hilfen sind zu knapp und kommen nicht an

Zwar gibt es das Bildungs- und Teilhabepaket aus dem Jahre 2011 – doch Experten kritisieren es. Der Aufwand sei zu groß, die Förderung zu gering. "Heute bekommen gute Schüler Nachhilfe, um das Niveau zu halten. Kinder aus Familien, die Hartz IV beziehen, dürfen erst dann Nachhilfe beantragen, wenn die Versetzung gefährdet ist. Der Lehrer muss die Bedürftigkeit für das Jobcenter dokumentieren. Die dann geförderte Nachhilfe wird aber sofort wieder eingestellt, sobald das Kind wieder eine glatte Vier schreibt", sagt Igor Wolansky.

Am Beispiel von Bremen wird deutlich, dass der entscheidende Weg aus der Armut heraus bislang nicht erfolgt ist. Trotz gegenteiliger politischer Beteuerungen gleicht das Bremer Bildungssystem nach Angaben von Gerd Wenzels, Vorsitzender des Verbandsrates Paritätischer Bremen, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft ungleichen Chancen von Kindern und Jugendlichen nicht angemessen aus. 80 Prozent der Kinder von Akademikern machen Abitur. Aber nur 20 Prozent der Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien schaffen es zur Hochschulreife. In Bremen haben gut 7.000 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 24 Jahren weder einen Berufsabschluss noch einen Ausbildungsplatz – obwohl es zugleich immer weniger Bewerber auf einen Ausbildungsplatz gibt und viele Betriebe keine Lehrlinge finden.

Dass Förderprogramme nicht greifen oder die Menschen nicht erreichen hat viele Ursachen. Armut ist ein komplexes Phänomen. Oft ist Einkommensarmut verbunden mit einer unzureichenden schulischen und beruflichen Qualifikation, mit individuellen gesundheitlichen Problemen, mit erlernten Verhaltensweisen, die den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht entsprechen. Gerd Wenzel: "Förderprogramme setzen häufig nur an einem Problem an und berücksichtigen die Komplexität von Armut zu wenig. So wäre es zum Beispiel vernünftig, arbeitslosen Jugendlichen nicht nur eine Ausbildungsstelle zu verschaffen, sondern sie gleichzeitig auch in ihrer sozialen Kompetenz zu fördern und zu begleiten." Viele Förderprogramme seien zudem zeitlich zu kurz. Nur wenige laufen für mehrere Jahre und bieten damit eine zuverlässige langfristige Perspektive.

"Jedes Kind muss dem Staat gleich viel wert sein"

Kinderschützer plädieren dafür, die Familien zu stärken und den Kreislauf der vererbten Armut zu durchbrechen. Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, weiß wovon er spricht, wenn er die Notwendigkeit der Hilfe zur Selbsthilfe in den Vordergrund aller Bemühungen stellen will. Als ehemaliger Bürgermeister von Dormagen hat er das sogenannte Dormagener Modell für die frühe Förderung von Kindern und Jugendlichen eingeführt. Dort werden Familien oder Alleinerziehende direkt nach der Geburt eines Kindes von einem Mitarbeiter des Jugendamtes besucht. "Das Jugendamt als Dienstleister, das den Eltern erklärt, welche Möglichkeiten der Hilfe und Förderungen es gibt. Auf diese Weise werden Eltern und Kinder unterstützt. Der Kontakt setzt bei der Schwangeren ein und hört auf, wenn ihre Kinder die Ausbildung abgeschlossen haben."

In Dormagen wurde ein funktionierendes Netzwerk geschaffen, in dem Ärzte, Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter an einem Strang ziehen und aufsuchende, präsente Hilfe anbieten. Für jede Familie gibt es einen festen Ansprechpartner. Dormagen gilt bundesweit als Modellkommune für die frühe Förderung von Kindern und Jugendlichen und konnte Kosten für die stationäre Unterbringung von Kindern signifikant senken. "Es kommt auf das Menschenbild und die Haltung an. Auch arme Menschen gehören wertgeschätzt", sagt Hilgers.

Grundsicherung bis 27 Jahre

Die Awo fordert gemeinsam mit dem Deutschen Kinderschutzbund und den anderen Wohlfahrtsverbänden seit Langem eine Grundsicherung (sie variiert zwischen 500 und 586 Euro monatlich) für alle Kinder. Bei Hartz-IV-Empfängern und Mini-Jobbern würde der Betrag den Kindern komplett zur Verfügung stehen. Einen Anspruch auf diese Kindergrundsicherung sollen alle Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre haben. Die Grundsicherung würde bisherige Leistungen des Staates wie das Kindergeld, die Ausbildungsförderung (BAföG) oder das Sozialgeld (Hartz IV für Kinder) ersetzen.

"Jedes Kind muss dem Staat gleich viel wert sein, unabhängig vom Einkommen der Familie, in der es lebt", sagt Heinz Hilgers. Denn der Staat reagiere nicht auf vielfältige Lebensformen, sondern begünstige ausschließlich klassische, gut verdienende Familien und kinderlose Ehen, zum Beispiel durch das Ehegattensplitting. Alleinerziehende dagegen sind steuerlich schlechter gestellt. Und wer als Alleinerziehender aufstockende Sozialleistungen erhält, dem wird sogar das Kindergeld angerechnet.

Christoph Butterwegge, Armutsforscher und Professor an der Universität Köln, glaubt nicht, dass es einen politischen Willen zur Bekämpfung von Kinderarmut gibt: "Würde man die Hartz-IV-Sätze anheben und die Eltern stärken, müsste man ebenfalls den Mindestlohn anheben, damit der Lohnabstand zu den Sozialleistungsbeziehern fortbesteht." Er sieht in einer funktionierenden Ganztagsbetreuung den Schlüssel für die Bekämpfung steigender Armut besonders bei Alleinerziehenden. Außerdem fordert er Gemeinschaftsschulen nach skandinavischem Vorbild, damit Kinder unterschiedlichster Herkunft so lange wie möglich gemeinsam und voneinander lernen könnten.

Was sagt die Politik? Die familienpolitische Sprecherin der Grünen, Franziska Brantner, forderte kürzlich einen Kinderbonus für Alleinerziehende, Susann Rüthrich, MdB, Kinderbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion und Mitglied der Kinderkommission favorisiert eine Kindergrundsicherung. Sie sagt: "Ich halte die Unterstützung von Kindern durch einen elternunabhängigen Grundbetrag und eine qualitativ gute Infrastruktur aus Bildung und Betreuung für ein sehr gutes Konzept, Kinder vor Armut zu schützen. Leider hat die Kindergrundsicherung auch in der SPD noch keine Mehrheit."