"Frauen bekommen seltener Spitzenbewertungen"

ZEIT ONLINE: Frau Möhring, trotz Quote gibt es im Öffentlichen Dienst kaum Frauen in Führungspositionen. Woran liegt das?

Cornelia Möhring: Es ist erklärtes Ziel der Bundesregierung, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Gerade im Öffentlichen Dienst hapert es aber bei der Umsetzung. Trotz eines generellen Frauenüberhangs sind die meisten Führungskräfte auf allen Ebenen Männer. Der Frauenanteil in den Leitungspositionen stagniert. Die Gründe sind struktureller Natur: Eine Studie der Hans Böckler Stiftung hat beispielsweise ergeben, dass Frauen im Polizeivollzugsdienst generell schlechter beurteilt werden als Männer.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Möhring: Frauen bekommen seltener Spitzenbewertungen. Die sind aber Voraussetzung, um in eine Führungsposition aufzusteigen. Zudem werden Teilzeitkräfte regelmäßig schlechter beurteilt – und Frauen arbeiten öfter in Teilzeit.

Hinzu kommt, dass Mütter oder Frauen mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen oft nicht ernst genommen werden. Ihnen wird unterstellt, dass sie nicht den "vollen Einsatz" für die Arbeit zeigen. Die Qualität der Arbeit wird mit der Präsenz im Büro gleichgesetzt. Da haben Teilzeitkräfte das Nachsehen. Dabei sind Frauen bei der Einstellung meist genauso gut oder besser qualifiziert als ihre männlichen Kollegen.

ZEIT ONLINE: Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Frauen schlechter bewertet werden?

Möhring: Beamtinnen und Beamte dürfen bei der dienstlichen Beurteilung nicht wegen Teilzeit oder einer längeren Abwesenheit wegen einer Eltern- oder Familienpflegezeit benachteiligt werden. Aber bei den Leistungsbewertungen spielen Geschlechtsstereotypen zumindest unterbewusst eine Rolle. Vermeintlich geschlechtsneutrale Eigenschaften wie Durchsetzungsstärke, Flexibilität, Belastbarkeit, Souveränität, Dynamik und strategisches Vorgehen werden eher mit Männern und Fleiß, Freundlichkeit, Geduld und Einfühlungsvermögen eher mit Frauen assoziiert. Diese Eigenschaften werden nicht gleich gewertet, die "männlichen" werden in der Regel höher eingeschätzt.

Studien zeigen, dass Frauen, die sich nicht entsprechend Geschlechterstereotypen verhalten, oft negativ bewertet werden. Dagegen wird dasselbe Verhalten bei einem Mann eher positiv bewertet. Ein Mann wird beispielsweise als durchsetzungsfähig wahrgenommen, eine Frau dominant oder sogar "zu" dominant. Oder viel arbeitende Männer werden als belastungsfähig wahrgenommen, Frauen mit einer ähnlichen Arbeitsweise bestenfalls als fleißig und oft leider auch als verbissen.

ZEIT ONLINE: Sie haben eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt und Zahlen zur Beurteilung von Teilzeit-Beamtinnen verlangt. Hat die Statistik Ihre Vermutung bestätigt?

Möhring: Ja und nein. Leider haben wir nicht alle Zahlen erhalten. Laut Bundesregierung wären sonst einzelne Beamtinnen und Beamte identifizierbar gewesen. Und so fehlte etwa eine Aufschlüsselung darüber, wie Teilzeitkräfte insgesamt bewertet wurden. Aus der Antwort geht aber hervor, dass bei vielen Ministerien der Frauenanteil von Beamten mit Bestnoten geringer ist als der der Männer. Allerdings gibt es auch positive Ausnahmen.

Das Gleichstellungsgesetz hat also durchaus etwas bewirkt.

"Männer fördern Männer"

ZEIT ONLINE: Reicht das aus?

Möhring: Es ist ein erster Schritt. Ein Kernproblem des Ganzen ist: In den Bundesbehörden wie auch in vielen Unternehmen existiert noch immer ein Old-Boys-Netzwerk. Männer fördern Männer oder neutraler gesagt: Menschen in Führungspositionen fördern Menschen mit einem ähnlichen sozialen Hintergrund, mit ähnlichen Eigenschaften.

ZEIT ONLINE: Ändert die Quote etwas?

Möhring: Naja, sie wirkt schon da, wo sie mehr ist als eine Flexi-Quote. Ich habe das Gesetz aber stets als Quötchen bezeichnet. Gleichstellungspolitische Instrumente brauchen Durchsetzungswerkzeuge wie beispielsweise den "leeren Stuhl", also dass ein Posten im Aufsichtsrat dann eben unbesetzt bleibt, wenn das Unternehmen keine Frau findet. Und solange Vorstände und kleinere Unternehmen nicht wirklich in die Pflicht genommen werden, wird sich hier nur wenig tun.

ZEIT ONLINE: Warum ist die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Führungspositionen wichtig?

Möhring: Es geht nicht darum, sämtliche Lebensbereiche paritätisch zwischen den Geschlechtern aufzuteilen. Und es geht auch nicht darum, dass Frauen per se bessere Führungskräfte sind. Es geht darum, dass Frauen das gleiche Recht auf Beteiligung an Entscheidungen und Gestaltungen haben – in der Wirtschaft, in der Politik und eben auch in Bundesbehörden.

ZEIT ONLINE: Was müsste Ihrer Meinung nach für die Gleichberechtigung von Frauen in der Arbeitswelt getan werden?

Möhring: Viel! Führung in Teilzeit fördern und die Vollzeit als Norm abschaffen. Wir brauchen ein anderes Verständnis von Arbeit und ein neues Normalarbeitsverhältnis. Eine generelle Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit schafft eine Grundlage, damit mehr Menschen weniger arbeiten können – um mehr Zeit für andere Dinge zu haben.

Kurzfristig ließen sich Beurteilungsverfahren gerechter gestalten. Zunächst einmal müssten eigenschaftsbezogene Kriterien wie "durchsetzungsstark" und "belastbar" durch aufgaben- und ergebnisbezogene Kriterien ersetzt werden. Schulungen, die explizit auf Diskriminierungsfallen aufmerksam machen müssen obligatorisch für Beurteilende sein.

ZEIT ONLINE: Können mehr Frauen in Führungspositionen auch etwas an den Bewertungsmustern verändern?

Möhring: Ja, aber hierfür braucht es eine kritische Masse. Einzelne Frauen an der Spitze stehen auch unter dem Druck, sich "als Frau" beweisen zu müssen. Sie wollen nicht in den Verdacht geraten, Geschlechtsgenossinnen zu bevorzugen. Darüber machen sich Männer viel weniger Gedanken.