Wie steht es um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Deutschland? Man könnte meinen, dass ein Männerverband hier eine andere Wahrnehmung als ein Frauenverband hat. Und dass es vielleicht wenig Schnittmengen geben könnte.

"XXY ungelöst. Zukunft 2060 – Aussichten für Männer und Frauen". So lautete der Titel der ersten gemeinsamen Fachtagung des Frauenverbands Business and Professional Women (BPW) als großem international aktiven Frauenverband mit dem Bundesforum Männer als dem Interessenverband für Jungen, Männer und Väter in Deutschland im November 2015. Während der Planungen wurde ich oft gefragt, warum wir bei so etwas mitmachen, ja was denn die Gleichstellung Männer eigentlich angeht.

Die Rolle der Männer in der Gleichstellungspolitik hat sich historisch entwickelt. In der Frühphase der Frauenbewegung haben Männer Frauen, die für ihre Rechte eintraten, als Bedrohung empfunden: für die Gesellschaft, die öffentliche Ordnung und für die eigenen Privilegien. Spätestens in den 1970er Jahren gehörte es dann zur Political Correctness, dass moderne Männer Frauen in ihrem Emanzipationskampf unterstützen. Heute gibt es immer mehr Männer, die sich selbst aus einseitigen Rollenzwängen emanzipieren wollen und deutlich machen, dass sie sich keineswegs per se als Männer privilegiert sehen oder diese vermeintliche Privilegierung für sich gar nicht in Anspruch nehmen wollen. Solche Männer kämpfen gegen einseitige Rollenzuweisungen als Haupternährer, für ihre Rechte als Väter oder für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeitszeit und privater, partnerschaftlicher oder familiärer Lebenszeit. Sie sind mittlerweile wichtige Akteure in der Gleichstellungspolitik. Um die geht es genauso wie um die jungen Männer nicht privilegierter Milieus, die zu Bildungs- und Modernisierungsverlierern werden, oder um die Männer, deren Rollenzwänge sie krank machen, früher sterben lassen, die kriminell werden oder als Täter und Opfer in den Kreislauf von Gewalt verstrickt sind. Gerade weil es gilt, diese Ambivalenz von Ressourcen- und Benachteiligungsorientierung adäquat auszubalancieren, bleibt das Verhältnis von Männern zur Gleichstellung spannungsvoll.

Spannungsvolles Verhältnis

Da sind auf der einen Seite die klassischen Argumentationsklischees aus dem Bereich sogenannter männerrechtlerischer Positionen: "Die Gleichstellung der Frauen ist längst erreicht – jetzt sind wieder die Männer dran …" "Der Gender Mainstream ist eine totalitäre Ideologie zur systematischen Unterdrückung von Männern …"

Auf der anderen Seite sind die Feststellungen von Carsten Wippermann aus der Sinus-Studie Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts ebenso ernst zu nehmen: "Männer empfinden Unbehagen, wenn ihnen in der öffentlichen Debatte von Frauen gesagt wird, was Männern fehlt, was deren Lasten sind, welche Bedürfnisse zu kurz kommen und in welcher Weise sie sich verändern sollen." "An einer ernsten ganzheitlichen Emanzipation der Männer seien die meisten Frauen (der Frauenbewegung) nicht interessiert – so der Verdacht vor allem geschiedener Männer und Väter."

Diese unterschiedlichen Zitate machen die zwei Ebenen deutlich, von denen her eine Gleichstellungspolitik ohne einen gezielten Blick auch auf Männer in Schieflage geraten kann. Zum einen der emotionale Reflex solcher traditioneller Männer, die sich durch Frauenförderung in ihrer Rollenidentität bedroht sehen. Auf der anderen Seite emanzipatorische Männer, die enttäuscht sind darüber, dass ihre Interessen und Bedürfnisse in der Geschlechterdebatte marginalisiert oder gar ignoriert werden. Solche Schieflagen kann Gleichstellungspolitik nur dann verhindern, wenn sie eine zweidimensionale Gleichstellungsperspektive konkret werden lässt: Nachhaltige und gerechte Geschlechterpolitik kann immer nur auf die Lebenssituation von Frauen und Männern gerichtet sein.
Um geschlechtergerechte und chancengleiche Bedingungen zu schaffen, benötigen wir politische Instrumentarien, die die Spezifika in den Lebensbedingungen analysieren und diese Analyse zur Grundlage weiterer Gestaltung von Lebensverhältnissen machen. So entstehen Männerpolitiken (Markus Theunert hat diesen Plural erstmals verwendet, um die Teilpolitiken für Jungen, Männer und Väter profilierter darzustellen) als konstitutive Elemente von Gleichstellungspolitik. In diesem Sinne versteht sich zum Beispiel auch das Bundesforum Männer als gesellschaftlicher Kooperations- und Diskurspartner der politisch Handelnden.

Haben Männer geschlechtsspezifische Interessen?

Wer wie oben argumentiert, trifft immer wieder auf das perplexe Erstaunen: Haben Männer denn überhaupt geschlechtsspezifische Interessen? Wenn nicht, hätte sich das Bundesforum als Dachverband von bundesweit agierenden Organisationen aus allen Bereichen der Gesellschaft wohl nicht gebildet. Interessen zu suggerieren gelingt allerhöchstens in der Werbung, und auch dort nur mit deutlich begrenzter Halbwertszeit.