"Die meisten Menschen würden sich beleidigt fühlen, wenn man ihnen als Arbeit anböte, Steine über eine Mauer zu werfen und sie dann wieder zurückzuwerfen, bloß damit sie ihren Lohn verdienten. Doch viele haben jetzt keine sinnvollere Beschäftigung", schrieb Henry David Thoreau 1854.

Erkennen Sie sich und ihren Job wieder? Oder haben Sie eine sinnvolle Arbeit? Machen Sie den sogenannten Streiktest: Was würde passieren, wenn die Lohnarbeiter Ihrer Berufsgruppe einfach mal die Arbeit niederlegten? Nun, Bäuerinnen, Krankenpfleger, Mechaniker, Postboten, Lehrerinnen, Bus- und Bahnfahrer, Handwerkerinnen, Müllwerker arbeiten und produzieren tatsächlich – täten sie es nicht, versänke die Gesellschaft sofort im Chaos.

Ein Streik von PR-Leuten, Lobbyisten, Finanzberatern, Versicherungsmaklern, Call-Center-Sklaven oder anderen Bürohengsten hingegen würde niemanden auch nur ansatzweise jucken; streiken jedoch Hafenarbeiter oder Fluglotsen, kann die ganze Wirtschaft lahmgelegt werden. Allein das zeigt, wie viele aufgeblähte Bullshitjobs es gibt, die de facto keinen ersichtlichen Nutzen haben. Dennoch wird diese Scheinarbeit glorifiziert als erreiche man mit ihr das Paradies auf Erden. Kaum einer fragt: Was ist das für 1 Job? Oft nicht einmal jene, die zu einem Ein-Euro-Job gezwungen werden.

Es gibt, schrieb Kurt Tucholsky bereits 1931, eine "Überlastung der gesamten Industrie durch ein geradezu formidables Schreibwerk, das hinter dem Leerlauf der Staatsbürokratie um nichts zurücksteht. Was da an Pressechefs, Syndicis, Abteilungsleitern, Bürofritzen herumsitzt und Papierbogen vollschreibt, ohne auch nur das leiseste zu produzieren, das belastet uns alle. Aufgeblasen der Verwaltungsapparat." Die Statistik gibt Tucholsky heute noch recht: Jeder dritte Lohnarbeiter hierzulande hält seinen Job für sinnlos.

Nur 16 Prozent der Beschäftigten sind Feuer und Flamme für ihren Job, 68 Prozent machen lediglich Dienst nach Vorschrift und 16 Prozent haben sogar schon innerlich gekündigt.

Trotzdem gilt es als anrüchig, den Sinn von offensichtlich sinnfreien Jobs infrage zu stellen – so massiv hat sich der Arbeitsfetisch schon in der DNA der westlichen Industrienationen eingenistet.

Arbeit nur der Arbeit wegen?

Arbeiten wir nur der Arbeit wegen? Plagen wir uns wie der steinrollende Sisyphos, verdammt zu sinnloser Tätigkeit? Auf viele – allzu viele – Jobs trifft das sicherlich zu. 1930 prophezeite der Wirtschaftsguru John Maynard Keynes, dass wir in hundert Jahren nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten, den Rest würden die Maschinen erledigen. Obendrein sah Keynes im zukünftigen Kapitalismus die Chance, "dass Gier ein Laster wird, das Verlangen von Wucherzinsen ein Vergehen, die Liebe zum Geld verächtlich. Diese Zeit ist noch nicht gekommen. Gier, Wucher und Vorsicht müssen noch etwas länger unsere Götter bleiben. Denn nur sie können uns durch den Tunnel ökonomischer Notwendigkeit ins Tageslicht führen."

Die Botschaft Keynes’ mutet geradezu religiös an: Rackert euch ab, nehmt Ausbeutung und Entbehrung auf euch, plündert den Planeten und eure Mitmenschen aus, dann wird bald die Erlösung kommen. Nun, Automatisierung gibt es inzwischen allerorten und der Kapitalismus dringt auch in die letzten Ecken der Welt vor, aber von einer 15-Stunden-Woche sind wir weit entfernt, geschweige denn, dass wir das "Tageslicht" einer paradiesischen Welt erlangt haben. 1930 hockten nur knapp 15 Prozent der Erwerbstätigen in Büros, heute sind es rund 50 Prozent, in den USA schon fast zwei Drittel. Nicht jeder Bürojob ist ein Bullshitjob, aber erschreckend viele. Statt einer 15-Stunden-Woche zu frönen, sitzen Heerscharen am Computer, verwalten unnütze Zahlenkolonnen, schreiben unnütze Firmenformulare und bewerben unnütze Produkte. Und das 40 Stunden die Woche, tagein, tagaus.

Dass angesichts dieser gigantischen Lebenszeitvernichtung kaum ein Bürohengst durchdreht wie Michael Douglas im Film Falling Down (1993), ist schon ein Wunder. Oder auch nicht. Warum müssen Schüler beispielsweise todlangweilige Kurvenberechnungen und Algebra pauken, obwohl das später kaum jemand für den Job braucht? Ganz einfach: Um die Schüler auf die späteren Bullshitjobs vorzubereiten, um ihnen Disziplin einzutrichtern und die Fähigkeit, sinnlose Dinge zu lernen und zu verrichten, ohne zu revoltieren.

Deshalb sind in der Disziplinaranstalt Schule auch Fabeln wie diese so beliebt: Die Heuschrecke hat sich den Sommer über amüsiert, während die fleißige Ameise Getreide gesammelt hat. Im Winter dann ist die Heuschrecke sehr hungrig – und die Ameise sagt ihr schlicht: "Hast du im Sommer singen und pfeifen können, so kannst du jetzt im Winter tanzen und Hunger leiden, denn das Faulenzen bringt kein Brot ins Haus." Die Fabel des griechischen Dichters Äsop gehört aus den Lehrplänen gestrichen – oder umgeschrieben.

Koalas sollten uns ein Vorbild sein

"Liebe Schüler, die Heuschrecke möchte nur ihr kurzes Leben genießen. Das könnte sie eigentlich auch, die Maschinen könnten ja jede Menge Arbeit erledigen, und wenn wir den Reichtum gerecht aufteilen, müssten alle nur ein bisschen malochen. Aber leider leben wir im Kapitalismus, das heißt: Die Heuschrecke muss ihre Arbeitskraft an die Ameise verkaufen, mehrt dadurch deren Profit und erhält selbst nur einen Hungerlohn. Die Ameise heimst alles Geld ein und macht dabei auch noch die Erde kaputt, während die Heuschrecke den Plunder der Ameise kauft, ganz depressiv wird und nicht mehr singen mag. Obendrein muss die Heuschrecke gute Miene zum bösen Spiel machen und die blödsinnige Arbeit auch noch toll finden, sonst kriegt sie auf die Finger gehauen."

Apropos Ameisen, Sinnbild des emsigen Arbeitens: Laut einer aktuellen Studie herrscht in einer Ameisenkolonie nicht nur das große Krabbeln, sondern auch das große Chillen: Rund 25 Prozent der Ameisen verbringen den Tag mit reinem Nichtstun, 72 Prozent arbeiten zumindest die Hälfte des Tages und lediglich drei Prozent schuften ohne Unterlass. Gearbeitet und entspannt wird im Rotationsprinzip. Von wegen fleißige Ameise also.

Die Natur ist eine Meisterin der Energieeffizienz: Kein einziges Tier macht mehr als notwendig, sie alle arbeiten nur für ein Zieleinkommen. Katzen bündeln ihre Energie für die Jagd, anschließend essen sie und spielen oder relaxen dann den Rest des Tages. Das faulste Tier der Welt, der Koala, stirbt, wenn er weniger als 18 Stunden am Tag schläft.

Wir verplempern unser Leben

Die meisten indigenen Gemeinschaften arbeiten rund vier Stunden am Tag, ist die notwendige Arbeit erledigt, kommt das Vergnügen. Der kapitalistische Mensch ist das einzige Lebewesen, dass seine Lebenszeit mit Bullshitjobs verplempert. Freiwillig. Naja, nicht ganz. Das kapitalistische System zwingt uns.

"Welchen Sinn und Zweck hätte das ungeheure Mühen und Schaffen des modernen Menschen, als dass er damit ein umso tieferes, umfassenderes, heiligeres Faulsein erringe? Die fleißigste Aktivität ist nichts als eine leere Form, ein bloßer Weg, sinnlos, wenn nicht an ihrem Ende die Erlösung von ihr winkte", schrieb der Soziologe Georg Simmel 1900. Der Sinn der meisten Arbeit liegt doch darin, dass sie erledigt ist. Doch gefangen im zerstörerischen Wachstumszwang, der zum Kapitalismus gehört wie Asterix zu Obelix, propagieren die westlichen Industrienationen immer nur: Arbeit.

Dem BWLer alter Schule ist noch jeder dämliche Bullshitjob lieber als der Müßiggang. Die Theorie einer 15-Stunden-Woche weicht der Praxis einer sinnentleerten Action Bias. Wir sehen uns ständig getrieben, etwas zu tun, selbst wenn dabei nichts rumkommt.

Das Paradebeispiel für diesen Handlungszwang sind Torhüter beim Elfmeter: Die wenigsten Torhüter bleiben bei einem Elfmeter einfach stehen. Stattdessen fühlen sie sich genötigt, zu handeln. Die Folge: In rund 93,7 Prozent aller Elfmeter springen sie in die linke oder rechte Ecke. Klar, wer wie angewurzelt stehen bleibt, sieht wie ein Trottel aus. Dennoch wäre es rational, auch mal buchstäblich stehenzubleiben, denn 28,7 Prozent aller Schüsse landen in der Mitte. Und Torhüter, die öfters in der Mitte bleiben, haben statistisch gesehen eine höhere Wahrscheinlichkeit, den Elfmeter zu halten. Erfolg durch Nichtstun sozusagen. Vielleicht sollten wir es auch hier und da mal wagen, wie ein Trottel auszusehen – und einfach stehen bleiben!