ZEIT ONLINE: Wie viel und welche Art von Schlaf ist gut für einen Erwachsenen?

Weeß: Dafür gibt es keine allgemeingültigen Aussagen, weil das Schlafbedürfnis sich genetisch bedingt sehr unterschiedlich darstellt. Wir hatten dann genügend Schlaf, wenn wir uns morgens wach, fit, konzentrationsfähig und emotional ausgeglichen fühlen. In unserer Gesellschaft haben wir aber leider die Unsitte, dass wir den Wecker stellen. Das bedeutet: Unser Schlafprogramm mit seiner förderlichen Wirkung wird vorzeitig beendet. Wir würdigen den Schlaf zu wenig mit der Konsequenz, dass ganz Deutschland die Woche über einen Schlafmangel aufbaut. Der ist ungesund, geht mit gesundheitlichen Risiken einher, aber vor allem führt er eben zu Leistungseinschränkungen.

Schule und Arbeit beginnen für zwei Drittel unserer Gesellschaft viel zu früh. Dies liegt daran, dass zwei Drittel der Menschen in Deutschland Eulen sind. Das heißt sie können aufgrund ihres chronobiologischen Schlaf-Wach-Rhythmus am Abend nicht früh einschlafen. Eulen und Lerchen sind Kurzbezeichnungen für Schlaftypen. Die meisten Eulen gehen am liebsten zwischen 23:30 und 2:00 Uhr ins Bett und würden am liebsten morgens zwischen 7:30 und 9:30 Uhr aufstehen.

ZEIT ONLINE: Zur Arbeit kann man aber nicht kommen, wenn man ausgeschlafen ist, sondern wenn die Arbeitszeit beginnt.

Weeß: Schlaf braucht ein besseres Image. Wir leben in einer Gesellschaft, in der, wenn es darum geht, zwischen Arbeit, Freizeit und Schlaf zu entscheiden, der Schlaf immer zu kurz kommt. Mit flexibleren Arbeitszeiten ließe sich der daraus resultierende Schlafmangel reduzieren. Die Lerche darf dann ruhig früh beginnen, weil es ihr leicht fällt, morgens früh aufzustehen. Sie schläft auch abends früh, hat dann genug Schlaf gehabt. Für Eulen wäre es wichtig, dass sie später zur Arbeit gehen könnten. Das würde der deutschen Wirtschaft tatsächlich gut tun, weil sie ausgeschlafenere Mitarbeiter hätte. Würde dann nachmittags noch ein kleines Nickerchen erlaubt, wäre das ideal, weil das Nickerchen gerade in der zweiten Tageshälfte das mögliche Arbeitspensum erhöht und die Fehlerrate senkt.

ZEIT ONLINE: Halten Sie Ihre Idee für einen pragmatischen Vorschlag, der sich umsetzen lässt?

Weeß: Einfach ist das nicht, weil unser Alltag vernetzt ist. Aber es gibt Modellregionen, beispielsweise in England, wo man meinem Gesagten nahe kommt.

ZEIT ONLINE: In der Wirtschaft hat Schlafen ein schlechtes Image. Wer viel schläft, ist ein Verlierer. Woher kommt diese Meinung?

Weeß: Sie ist falsch und hat teilweise historische Gründe. In unserer Gesellschaft gilt, 'Morgenstund hat Gold im Mund' oder 'Nur der frühe Vogel fängt den Wurm'. Viele Politiker und Wirtschaftsbosse rühmen sich damit, mit wenig Schlaf auszukommen. Diese Leute sind Vorbilder und Meinungsbildner, was nicht vorteilhaft ist. Manche Entscheidungen, die Manager oder Politiker nachts im Schlafmangel treffen, sind zumindest  kritisch zu hinterfragen, weil Schlafmangel unsere ethisch-moralischen Grundsätze verblassen lässt.

ZEIT ONLINE: Fördert ausgeschlafen sein beruflichen Erfolg?

Weeß: Auf jeden Fall, denn mit ausreichend Schlaf sind wir leistungsfähiger, kreativer, unsere Lern- und Gedächtnisleistung ist deutlich höher im Zustand des Ausgeschlafenseins, als unter Schlafmangel. Schlaf ist ein höchst karrierefördernder Zustand.