Deutsche Gewerkschaften fürchten um ihr Heiligstes: Der Europäische Gerichtshof erwägt dieser Tage, ob die Mitarbeiterbeteiligung in Aufsichtsräten in ihrer derzeitigen Form europarechtskonform ist. Ein Negativurteil könnte zur Aushöhlung der Institution führen, die Bundespräsident Gauck zur 40. Jubiläumsfeier des Mitbestimmungsgesetzes im Sommer als wichtiges "Kulturgut" würdigte. Dabei geht es nicht nur um eine soziale und demokratisierte Arbeitswelt. Ein wachsender Forschungskanon legt nahe, dass Mitbestimmung dem Unternehmenserfolg zuträglich sein kann. Das könnte auch daran liegen, dass sie die Kurzsichtigkeit der Kapitalmärkte dämpft.

Aktionäre des Reisekonzerns Tui klagten zunächst vorm Berliner Kammergericht und nun vor dem EuGH gegen die deutsche Mitbestimmung. Der Vorwurf: Im Ausland Beschäftigte würden diskriminiert – bei der Tui sind das vier Fünftel der Belegschaft –,  da diese weder den Aufsichtsrat wählen noch sich dafür aufstellen lassen dürfen. Diese Ungleichbehandlung schränke die europäische Arbeitnehmerfreizügigkeit ein. Rückenwind gibt es aus Brüssel; die Europäische Kommission unterstützt die Kläger in einer Stellungnahme überraschend deutlich. Martin Höpner vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung wertet das als "politische Kampfansage an die Arbeitnehmermitbestimmung". Die Sorgen auf Gewerkschaftsseite sind groß: "Ein entsprechendes Urteil des EuGH könnte zu einer erheblichen Rechtsunsicherheit für Beschäftigte und Unternehmen führen und die Mitbestimmung massiv gefährden", sagt DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann.

Politische Kämpfe um die Mitbestimmung sind nichts Neues. Die Ursprünge der Mitbestimmung vor über 150 Jahren liegen schließlich im Klassenkampf, und auch das Mitbestimmungsgesetz von 1976 wurde noch von heftigen politischen wie gerichtlichen Auseinandersetzungen flankiert. Seither ist der Ton jedoch konzilianter geworden. Joachim Gauck bezeichnete das Gesetz als "Kernelement unserer Kooperations- und Konsenskultur". Das hat auch mit strukturellen Veränderungen zu tun: Gewerkschaftlich organisierte "Arbeiter" sind mittlerweile privilegierte Kernbelegschaften mit Mittelschichtsidentität. In der Wissenschaft spricht man seit Längerem von "Mitmanagement" statt Mitbestimmung. Dass die Spitzen der Arbeitgebervereinigung BDA und der DGB die EuGH-Klage in einem gemeinsamen Beitrag kritisieren, kann als weiteres Indiz für dieses Zusammenrücken gewertet werden.

Ist Mitbestimmung negativ für die Wirtschaft?

Soweit die politische Dimension. In ökonomischen Modellen zählt der Staatsräson-Status der Mitbestimmung wenig. Fragt man Wirtschaftswissenschaftler nach dem Einfluss der Mitbestimmung auf Unternehmen, ist von Innovations- und Maximierungshemmnissen die Rede. Das erklärt sich so: Arbeitnehmer schränken im Aufsichtsrat den Spielraum von Managern ein — wer soll da noch am besten "disruptive" Neuerungen anstoßen? Mitbestimmung als politisches Gebot einerseits und betriebswirtschaftlicher Hemmschuh andererseits.

In den letzten Jahren bröckelt allerdings die Beweislage für die Hemmschuh-These. Die Ökonomen Kornelius Kraft von der TU Dortmund und Felix FitzRoy von der University of St. Andrews haben sogar ihr eigenes Ergebnis revidiert, dass Mitbestimmung die Produktivität von Unternehmen mindere. "Rein technisch" hätten bessere Daten und Methoden dazu geführt, dass vorherige Ergebnisse verworfen werden mussten, schreibt Professor Kraft. Der neue wissenschaftliche Konsens lässt sich vorsichtig wie folgt zusammenfassen: Mitbestimmung wirkt sich nicht negativ auf den Unternehmenserfolg aus, wahrscheinlich sogar positiv.

Wie sind diese Befunde zu erklären? Klassische Lehrbücher versprechen wenig Aufklärung. Eine Antwort könnte in den Neigungen des Finanzkapitalismus liegen. Dynastische Großaktionäre ausgenommen, sind Investoren ungeduldig. Quartalsergebnisse und jährliche Dividenden rangieren zumeist weit höher auf der Prioritätenliste als Fünf-, Zehn- oder gar Zwanzigjahresstrategien. Wer weiß schon, ob man dann überhaupt noch am Unternehmen beteiligt sein wird. Ähnlich geht es Spitzenmanagern. Sie bleiben im Durchschnitt immer kürzer im selben Unternehmen und viele Boni-Systeme belohnen eher kurzfristigen Erfolg.

Kapitalmärkte sind wichtige Disziplinwächter. Durch die kurzfristigen Marktanreize für Investoren und Manager werden überschüssiges Fett abgeschnitten und neue Muskeln schnellstmöglich aufgebaut. Auf lange Sicht dürfte es jedoch weder im Interesse eines Unternehmens noch des Gemeinwohls sein, wenn diese Kräfte überhandnehmen; wenn weniger Gewinne investiert werden. Es braucht einen Dämpfer. Arbeitnehmer scheinen da prädestiniert: Sie möchten zumeist möglichst lange ihren Arbeitsplatz behalten, weshalb sie am nachhaltigen Erfolg ihrer Unternehmen interessiert sind.

Arbeitnehmer sind an nachhaltigen Gewinnen interessiert

Früher hat man diese These kaum seriös unterfüttern können. Studien scheiterten vor allem am Kontrollgruppen-Problem: Man bräuchte Klone von Siemens, VW und Co., die sich lediglich darin unterscheiden, dass sie ohne Mitbestimmung agieren. Um das zu umgehen, bestimmen Forscher nun zunächst, wie stark ein Unternehmen mitbestimmt ist; vieles liegt dabei nämlich im Ermessen der Arbeitgeberseite. Rechnet man dann strukturelle Unterschiede wie Größe, Branchenzugehörigkeit oder Aktionärsstruktur der Unternehmen heraus, kann man den Einfluss der Mitbestimmungsstärke untersuchen.

Nach diesem Muster haben Sigurt Vitols und Robert Scholz vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung die Auswirkung der Mitbestimmung auf die 200 größten deutschen börsennotierten Unternehmen untersucht. Stark mitbestimmte Unternehmen investieren demnach mehr in die duale Ausbildung und tätigen mehr Kapitalinvestitionen. Besonders stark sei der positive Effekt der Mitbestimmung auf nachhaltige Unternehmensstrategien, gemessen anhand einer Reihe an Indikatoren von Kohlendioxidbilanz bis Arbeitnehmerzufriedenheit. "Selbst wenn die Auswirkung von Mitbestimmung auf Unternehmensperformance neutral wäre, ist die verbesserte Nachhaltigkeit ein Gewinn für das Gemeinwohl", kommentiert Vitols die Ergebnisse.

Ein wichtiges Korrektiv

Auch die Vergütung von Managern ist bei starker Mitbestimmung langfristiger orientiert. Statt an die Aktienkurse werden Gehälter mit zunehmendem Grad an Mitbestimmung an die deutlich weniger sprunghaften Buchwerte eines Unternehmens gekoppelt, so lautet das Ergebnis einer Studie von Tim Müllenborn von der Europa-Universität Flensburg. Dabei bestehe keine Opposition gegenüber hoher und variabler Managementvergütung — "die Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat glauben grundsätzlich an die Wirkung von Anreizen. Sie setzen sich jedoch dafür ein, dass die Vergütungspakete von Vorständen weniger stark an kapitalmarktorientierte Kennzahlen und damit an die Interessen kurzfristig orientierter Kapitalgeber gekoppelt werden", sagt Müllenborn. Was wissenschaftlich so elegant nach einem Korrektiv kurzsichtiger Bestrebungen klingt, bedeutet harte Machtkämpfe im betrieblichen Alltag. Muss beispielsweise ein kurzfristig orientiertes Vergütungsprogramm vom Aufsichtsrat abgenickt werden, fordern Arbeitnehmervertreter dafür im Gegenzug neue Ausbildungsstellen oder einen höheren Anteil reinvestierter Gewinne.

In Europa findet das Prinzip Mitbestimmung dieser Tage an ungewöhnlicher Stelle Anklang: Die konservative Premierministerin Großbritanniens Theresa May wollte Mitarbeiterbeteiligung nach deutschem Vorbild einführen. Ob die Institution jedoch zum konjunkturbelebenden Exportschlager taugt, darf bezweifelt werden. Hierzulande ist der Korporatismus seit Kaisers Zeiten gewachsen, die Mitbestimmung ein Kernbestandteil der Sozialen Marktwirtschaft. Nicht zuletzt während der Finanz- und Wirtschaftskrise wurde die stabilisierende Wirkung einer Konsenskultur am Beispiel der Zeitarbeit deutlich. Es sind solche Erfahrungen, die zur Akzeptanz von Institutionen wie der Mitbestimmung beitragen und sie damit langfristig vielleicht sogar zum ökonomischen Standortvorteil werden lassen können.