Der Irr-Sinn der Arbeit – Seite 1

Die Utopie einer arbeitsfreien Gesellschaft gibt es schon lange und wird immer wieder erzählt. Zwar hat sich die Maschinisierung und Automatisierung von Arbeits- und Herstellungsprozessen in den letzten Jahrzehnten enorm ausgeweitet, ein Ende menschlicher Arbeit ist jedoch weiterhin nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil hat sich die Arbeit immer mehr ins Zentrum des menschlichen Bewusstseins geschoben. Von einer existenziellen Notwendigkeit ist sie zur zeitgenössischen Sinnstiftungskategorie Nummer eins avanciert, ohne die sich der Mensch kaum noch denken kann. Anders kann die gegenwärtige Perversion an Selbstausbeutung kaum begriffen werden.

Auf den ersten Blick wirken heutige Arbeitsbedingungen zumindest in großen Unternehmen, im digitalen oder Start-up-Bereich paradiesisch: Da gibt es Wohlfühlecken, Tischfußball, vermeintlich flache Hierarchien, Teamevents bzw. gar gemeinsame Urlaube auf Kosten des Unternehmens. Die Kollegen sind nicht nur Kollegen, sondern werden zu Bekannten und Freunden. Wahrscheinlich ist dem einen oder anderen "Teammitglied" dabei schon bewusst, dass diese Maßnahmen nicht die Folge großzügiger Mitmenschlichkeit sind. Sie dienen primär zur Steigerung der emotionalen Verbundenheit und somit zur Intensivierung der Abhängigkeit des Arbeitnehmers. Aber das wird ausgeblendet. Wenn die Kollegenfreunde immer zwölf Stunden am Tag arbeiten, bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man früher geht. Dann macht man sich nach der zehnten Arbeitsstunde doch lieber ein gemeinsames Bier auf und hängt noch zwei weitere dran. Natürlich unbezahlt, Überstunden sind schließlich mit dem Lohn entgolten. So steht es trotz Arbeitszeitgesetz im Arbeitsvertrag drin. Sei es drum, man ist ja unter Freunden.

Die Steigerung zur Identitätskategorie

Damit die Selbstausbeutung nicht zu offensichtlich wird, wird die berufliche Tätigkeit zur primären Identitätskategorie erhoben. Der Job dient nicht mehr nur der Existenzsicherung und Bedürfnisbefriedigung. Nein, er wird der zentrale Bestandteil des Selbst. Wenn ich mich anstrenge und meinen Beitrag zur Unternehmensentwicklung beitrage, dann erfülle ich meinen Sinn und gebe meinem Dasein eine Berechtigung. Da müssen andere individuelle Bedürfnisse auch kurzerhand hintenanstehen, wenn es dem Wohle der Firma dient. Der subtile Druck, der durch befristete Verträge und ein sich schnell drehendes Mitarbeiterkarussell erzeugt wird, tut sein übriges. Zwar ist man eigentlich krank oder hatte seinem Kleinkind versprochen, es noch ins Bett zu bringen. Alles nebensächlich, man ist es der Firma ja schuldig.

Diese zeitgenössisch häufig vorkommende Denkweise potenziert die von Marx beschriebene Selbstentfremdung des Arbeiternehmers ins Absolute. Denn das Individuum verliert nicht nur den Bezug zu dem von ihm geschaffenen (materiellen oder immateriellen) Produkt, sondern gleich zu seinem kompletten Leben. Denn dieses wird nur noch unter dem Aspekt von Arbeit definiert und bewertet.

Nun bringt das viele Jammern nichts, schließlich basiert doch alles auf freiwilliger Basis. Kein Mensch ist dazu gezwungen, sich diesem Zwang zu unterwerfen. Sollte man zumindest meinen. Betrachtet man die Lohnentwicklungen, die Prekarisierungen und das Überangebot vieler Qualifizierter, kommen einem schon Zweifel.

Die ökonomischen Verhältnisse müssen sich ändern

Hinzu kommt der Zeitgeist. Wenn die überwiegende Mehrheit diese Lebensweise glorifiziert oder zumindest hinnimmt, hat jegliches Abweichen negative Konsequenzen. Entweder mit Herabwertung (die anderen sind halt nicht dafür qualifiziert bzw. gemacht) oder mit Ausschluss (Kontaktabbruch/-verweigerung). Denn schließlich stellt ein Gegenbild von Arbeit gleich das ganze eigene Lebenskonzept in Frage. Man möchte ja nicht mit der Eindimensionalität seiner Existenz und der absoluten Abhängigkeit gegenüber seinem Arbeitgeber (was bleibt einem denn übrig, wenn man den Job verliert?) konfrontiert werden.

An dem Grundprinzip individueller Sinngebung durch Beschäftigung muss per se nichts geändert werden. Das Problem besteht eher in der Definition der Beschäftigung. Diese sollte nicht darauf reduziert werden, eine materielle oder immaterielle Wertschöpfung zu produzieren! Beschäftigung kann auch unabhängig von Arbeit und Lohnerwerb gedacht werden. Seien es musische/künstlerische, ehrenamtliche oder gar einfache Tätigkeiten wie Lesen oder Sammeln, Sinnerfüllung kann so viel mehr sein. Wie nur kann ich herausfinden, was mich individuell erfüllt? Das ist selbstverständlich die Schwierigkeit. Für die gibt es nämlich keine allumfassende Antwort.

Worin besteht dann jedoch die angekündigte Alternative? Eine echte Alternative liegt in der Veränderung unserer ökonomischer Verhältnisse.

Beschäftigung kann auch unabhängig von Arbeit und Lohnerwerb gedacht werden

Es gilt, die ökonomischen Rahmenbedingungen der heutigen Gesellschaft grundlegend zu modifizieren. Den Menschen muss mehr Zeit zur Verfügung gestellt werden, ihre Sinn gebenden Beschäftigungen (heraus) zu finden und auszuüben. Ein erster Schritt könnte dafür die Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit sein. Allein die Arbeitszeit an sich verbunden mit weiteren Stunden für Hin- und Rückweg rauben schon den Großteil des Tages. Addiert man die weiteren täglichen oder wöchentlichen Notwendigkeiten wie Arztbesuche, Besorgungen oder Kinderbetreuung hinzu und denkt an die erforderliche Regenerationszeit, sind 24 Stunden schnell gefüllt. Es ist also kein Wunder, dass sich Menschen ihre Arbeit als Identitätsbezug erwählen. Denn für andere Tätigkeiten haben sie keine Zeit mehr. Eignet sich der Beruf jedoch nicht als identitätsstiftend, sind Frustration und Unzufriedenheit häufig eine Folge.

Es muss Freiraum geschaffen werden. Wer sofort den Verlust von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit beklagt, dem sei entgegnet, dass die Arbeitszeitreduktion sogar eher der Effizienz förderlich sein sollte. Eine kürzere Arbeitszeit reduziert die Leerphasen und erhöht die Ausgeglichenheit der Arbeitenden. Als alleinige Maßnahme ist sie jedoch nicht ausreichend.

Das radikale Umdenken, Schritt zwei: bedingungsloses Grundeinkommen

Sie muss verbunden werden mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Denn nur auf diese Weise erhalten alle Mitglieder einer Gesellschaft die Möglichkeit, ohne existenziellen Druck verschiedenste Lebensentwürfe, Betätigungsfelder und Selbstbilder auszuprobieren. Ist die eigene Existenz nicht gesichert oder prekär, spielen Fragen zur individuellen Sinngebung eine untergeordnete Rolle.

Die eigenständige Identitätsfindung wird somit zu einem Privileg sozial Bessergestellter. Dies muss unterbunden werden, damit die bestehende soziale Ungleichheit nicht noch mehr zunimmt. Einen Lösungsansatz stellt hierfür ein bedingungsloses Grundeinkommen dar. Denn es ermöglicht zumindest eine theoretische Chancengleichheit aller Gesellschaftsmitglieder. Natürlich ist die Millionärin nicht so sehr darauf angewiesen wie ein Minijobber. Aber es jedem zur Verfügung zu stellen fördert den Gleichheitsgedanken. Zusätzlich reduziert es sozio-ökonomische Diffamierungen (der "faule", "sozialschmarotzende" Hartz-IV-Empfänger sei hier als Beispiel genannt.)

Die Utopie der für den Menschen arbeitenden Maschinen muss also gar nicht erreicht werden, um die Lebensbedingungen jedes Einzelnen zu verbessern. Es reicht, wenn der Mensch sein Leben vom reinen Diktat der Arbeit befreit. Denn er ist mehr als eine wertschöpfende/-steigernde Maschine, deren Sinn sich einzig in individueller Selbstausbeutung generiert. Also lasst uns die skizzierten Ideen nicht ins Reich des Unmöglichen platzieren, sondern ernsthaft darüber diskutieren. Eine sinnerfüllte Existenz gilt es doch jedem zu ermöglichen.