ZEIT ONLINE: Herr Thüsing, haben wir in unserer Arbeitswelt ein Problem mit der ständigen Erreichbarkeit?

Gregor Thüsing: Nicht immer – aber vielleicht immer öfter. Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren von einer analogen zu einer digitalen gewandelt. Je mehr Möglichkeiten sich ergeben, von anderen Orten, zu anderen Zeiten oder mal kurz zwischendurch zu arbeiten, desto höher wird die Versuchung, dass der Arbeitnehmer dazu auch verpflichtet wird oder sich auch nur verpflichtet fühlt. Das läuft nicht überall so, aber in immer mehr Betrieben und Unternehmen. Deswegen muss man schauen, ob das Arbeitszeitrecht, also die Regelungen, die besagen, wann ein Arbeitnehmer arbeiten muss oder nicht, angepasst werden sollte.

ZEIT ONLINE: Und wie sollte so eine Anpassung aussehen?

Thüsing: Es geht darum, zu erarbeiten, welche geringfügigen Störungen der Freizeit wir hinnehmen wollen, was also zulässig sein kann und was eben eine Zumutung ist. Es sind ja ganz unterschiedliche Situationen, auf die ein Arbeitszeitrecht eingehen muss. Es gibt kurze Unterbrechungen, die vielleicht sogar im Interesse beider Seiten liegen, die nicht belasten. Man liest lieber Samstagsabend noch eine Email und beantwortet sie kurz, wenn diese am Montag eine Stunde Meeting überflüssig macht. Andererseits gibt es Situationen, da ist es dem Arbeitnehmer gar nicht so recht, gestört zu werden. Zum Beispiel wenn er einen schönen Abend verbringen will, ein Kinderbuch vorliest oder aus einer anderen Freizeitaktivität herausgeklingelt wird und sich verpflichtet fühlt, aktiv zu werden. Die Schwellen der Erreichbarkeit werden durch Email und WhatsApp immer niedriger. Also müssen Hürden her, damit man einen Ausgleich zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen schafft.

ZEIT ONLINE: Im Weißbuch Arbeiten 4.0 der Arbeitsministerin wird das Thema Erreichbarkeit kurz abgehandelt. Dort heißt es: "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind nicht verpflichtet, für ihren Arbeitgeber in der Freizeit erreichbar zu sein. (...) Deshalb ist kein gesetzlicher Handlungsbedarf erkennbar." Wird da ein Problem vertagt?

Thüsing: Es ist die klassische Funktion des Arbeitszeitrechts, Grenzen zu setzen. Es kann niemand dazu verpflichtet werden, rund um die Uhr erreichbar zu sein. Ich würde mir wünschen, dass der Gesetzgeber das Arbeitszeitrecht auf unsere heutige Gesellschaft anpassen würde. Das würde Gelegenheit für Diskussionen schaffen. Die Schwellen, Arbeitnehmer zu erreichen, werden niedriger, also müssen wir die Hürden darauf abstimmen.

"Ich traue allen Unternehmen zu, Verantwortung zu übernehmen"

ZEIT ONLINE: Wie kann so eine Änderung aussehen?

Thüsing: Ein gutes Beispiel ist Frankreich. Dort wurde im August vergangenen Jahres im Arbeitsgesetzbuch ein Recht des Arbeitnehmers verankert, offline zu sein. Das französische Beispiel ist für mich ein Beispiel guter Gesetzgebung, weil es selbst keinen festen Rahmen vorgibt. Die Tarifvertragsparteien einer Branche sind verpflichtet, ab Jahresbeginn zu verhandeln. Kommt es nicht zu einer Einigung, dann haben Arbeitgeber die Aufgabe, Regeln formulieren. Damit wird ein Weg vorgeschrieben, Lösungen zu finden. Das heißt, das Unternehmen ist verpflichtet, das Thema Erreichbarkeit auf die Tagesordnung zu setzen. Zunächst geht es in einem ersten Schritt um Bestandsaufnahmen: Hat sich bei uns etwas eingeschlichen, was wir so gar nicht beabsichtigen? Welche Mitarbeiter leiden am meisten? In einem zweiten Schritt formuliert man betriebliche Regeln.

ZEIT ONLINE: Aber was könnte am Ende daraus entstehen?

Thüsing: Es geht darum, feste Regeln zu erarbeiten. Wie die aussehen, ist offen: Das könnte heißen, ein Arbeitnehmer darf im Urlaub gestört werden, wenn mindestens zwei Vorgesetzte dem zustimmen. Oder Mails mit ganz besonderer Kennzeichnung sollten auch nach 18 Uhr beantwortet werden. Das Entscheidende ist, dass man das alles vorher geklärt hat. Der Arbeitnehmer hat dadurch einfach mehr Sicherheit, in Ruhe gelassen zu werden, diese Daueranspannung zu reduzieren.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von Apps, die die tatsächlichen Arbeitszeiten erfassen? 

Thüsing: Das amerikanische Department of Labor hat eine solche App entwickelt. Sie heißt DOL-Timesheet. Diese App kann der erste Schritt zu einer Bestandsaufnahme sein. Es macht das Ausmaß der Belastung sichtbar. Wie viele Emails habe ich gestern bekommen? Wie oft habe ich nach Feierabend telefoniert? Wie oft werde ich gestört? Zehnmal oder 15-mal? Wenn ein Unternehmen dieses Wissen hat, kann es planen, ob und wie es reagieren will. Man kann die Datenerfassung mit einem zweiten Schritt verbinden, wenn man zum Beispiel festlegt, dass jeder Anruf nach Feierabend als Arbeitszeit angerechnet wird. Die Arbeitsaktivität in der Freizeit wird somit zu einer Strafzeit für das Unternehmen.

ZEIT ONLINE: Wäre es nicht am einfachsten, ein Gesetz zu verabschieden, das besagt: Nach 20 Uhr wird abgeschaltet?

Thüsing: Wir haben dieses Gesetz. Der Arbeitstag besteht aus durchschnittlich acht Stunden. Danach steht dem Arbeitnehmer eine Pause von elf Stunden zu. So sieht die Theorie aus. Aber es gibt nun einmal auch die Bereitschaft des Arbeitnehmers, den Bedürfnissen der Unternehmen Rechnung zu tragen. Und die wünschen sich natürlich gerne Arbeitnehmer, die sich auch nach Feierabend engagieren. Viele Menschen denken, wohl nicht zu Unrecht, durch meine Aktivität wird meine Karriere beschleunigt und zwar mehr als bei demjenigen, der nach 18 Uhr sein Handy ausmacht. Ich traue aber eigentlich allen Unternehmen zu, dass sie das Thema ernsthaft angehen und Verantwortung übernehmen werden. Ich bin manchmal erstaunt darüber, wenn ich mit Unternehmen kommuniziere, um welche Uhrzeit ich noch eine Antwort bekomme.