Die 48-jährige Bankerin ist die Präsidentin des Geldinstituts Banesto – und die erste Frau, die an der Spitze einer Großbank steht. Ihr Leben ist für die Spanier jedoch ein Mysterium, sie gilt als scheu, meidet öffentliche Auftritte und gibt kaum Interviews. Seit Jahren wird auch darüber spekuliert, dass sie eines Tages ihren Vater Emilio Botín (74) als Chef der Santander-Gruppe, der größten Bank in der Euro-Zone, beerben könnte.

Ana P., wie die Bankchefin von ihren Mitarbeitern genannt wird, scheint den Umgang mit Bilanzen, Zinsen und Kommissionen förmlich im Blut zu haben: Ihr Urgroßvater war der Begründer einer Dynastie von Bankiers, die die Banco Santander seit über 100 Jahren kontrolliert; ihr Großvater machte das Geldinstitut zu einem der größten in Spanien; der Vater verhalf der Bank zu weltweiter Geltung. Die Tochter ist als das älteste von sechs Kindern nun die herausragende Vertreterin der vierten Generation der Botín-Dynastie.

Mit dem Vater, dem die schwarzhaarige und zumeist ernst dreinblickende Frau auch äußerlich ähnlich sieht, hat sie einen unbändigen Ehrgeiz und unerschöpflichen Arbeitseifer gemein. Sie besuchte Eliteschulen in der Schweiz, Großbritannien und Österreich und legte ein Examen an der renommierten Harvard-Universität in den USA ab. Ihre erste Stelle nahm die Einser-Schülerin bei der US-Investmentbank J.P. Morgan an. "Ich habe meinen Beruf von der Pike auf gelernt", sagte sie einmal. "Mir hat niemand etwas geschenkt."

1988 holte der Vater sie in das Familienunternehmen nach Santander. Dort hatte Ana Patricia Botín als Leiterin der Abteilung für Auslandsinvestitionen maßgeblichen Anteil daran, dass die Bank eine führende Position auf den Finanzmärkten in Lateinamerika eroberte und zu einem "global player" aufstieg. Sie ging dabei recht forsch zu Werke, obwohl das Unternehmen eigentlich traditionell die Strategie verfolgt, bei der Eroberung von Marktanteilen eher behutsam vorzugehen. Einige Anlagen warfen Verluste ab, das Image der Botín-Tochter erhielt erste Kratzer.

Die wohl bitterste Niederlage erlitt sie 1999, als sie sich wegen der Fusion der Großbanken Santander und Banco Central Hispano (BCH) aus dem Management zurückziehen musste. Die BCH-Chefs waren gegen Ana Patricia Botín, denn sie befürchteten, dass die Familie zu viel Einfluss in der neu geschaffenen Bank bekommen würde. Um die Fusion nicht zu gefährden, opferte Emilio Botín seine Tochter.

Aber nur drei Jahre später kehrte die "Eiserne Lady" in den Konzern zurück. Ihr Vater hatte den Machtkampf mit den BCH-Gegenspielern gewonnen und diese mit hohen Abfindungen zum Rücktritt bewegt. Seine Tochter ernannte er zur Präsidentin des Tochterunternehmens Banesto. Die Bank ist die viertgrößte in Spanien. Sie hat sich auf das Privatkundengeschäft spezialisiert und gilt als das Kronjuwel der Santander-Gruppe.

Ana Patricia Botín steht als einzige Spanierin auf der Liste der 100 einflussreichsten Frauen der Welt, die das US-Magazin Forbes herausgibt. Sie pflegt einen britisch-distanzierten Stil und soll – ebenso wie der Vater – 14 Stunden am Tag arbeiten. Die Bankchefin ist mit dem Sohn einer Adelsfamilie verheiratet und hat drei Söhne. Von ihrer Mutter, der Pianistin Paloma O'Shea, erlernte sie das Klavierspielen. Sie hat auch ein Faible für den Golfsport. Der frühere Weltklasse-Golfer Severiano Ballesteros ist ihr Schwager.