Heinrich Popow ist ein erfolgreicher Leichtathlet. Er sprintet über 100 und 200 Meter und tritt auch im Weitsprung an. 2008 nahm er an der Olympiade in Peking teil. Genauer gesagt an den Paralympics. Denn dem Sportler wurde als Kind das linke Bein oberhalb des Knies amputiert. Eine hochmoderne Prothese ermöglicht es ihm, überhaupt Sport treiben zu können.

"Die Prothesentechnik hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert – sowohl in Bezug auf Verträglichkeit, als auch in Sachen Haltbarkeit und Komfort", erklärt Professor Arndt Schilling. Er arbeitet als Dozent für Mediziningenieurswesen an der TU Hamburg-Harburg. Menschen mit Amputationen können mit Hilfe der modernen Prothesen einen nahezu normalen Alltag leben. Möglich geworden ist dies durch die Entwicklung neuer Materialien, unter anderem auch aus der Weltraumforschung. "Das Mediziningenieurswesen hat in den letzten 20 Jahren Quantensprünge gemacht", sagt Schilling.

Mediziningenieure entwickeln auch Implantate. Manche Entwicklungen klingen wie aus einem Science-Fiction-Roman. So arbeiten die Ingenieure daran, Blinden das Sehvermögen wiederzugeben. "Das Auge wird durch eine Kamera mitsamt Chip ersetzt. Der Chip wird direkt auf dem Sehnerv implantiert, so dass wieder optische Signale an das Sehzentrum im Gehirn gesendet werden", sagt Schilling. Auch wenn das Augenlicht auf diese Weise nicht vollständig wiederhergestellt werden kann, so ermöglicht es dem Blinden, beispielsweise dem Verlauf einer Straße folgen zu können.

Längst Realität sind Cochlea-Implantate, die tauben Menschen wieder Sprachverständnis ermöglichen. Es gibt bereits Chips mit direktem Anschluss an das Gehirn – beispielsweise für Menschen, die am Tourette-Syndrom leiden. Bei dieser Erkrankung sind Menschen so genannten Ticks unterworfen, die sie unkontrollierte Bewegungen ausführen und Laute aussprechen lassen. Der Schrittmacher im Gehirn unterbindet die Ticks. Mediziningenieure forschen auch daran, die Signale des Gehirns auszulesen und zu interpretieren. Diese Signale könnten an Muskeln oder Motoren weitergeleitet werden. Die Vision der Ingenieure: Sie wollen beispielsweise ein Arm-Implantat entwickeln, das der Patient nur durch seine Gedanken steuern kann.

Damit eine solche sensible Technik überhaupt entworfen werden kann, ist der Verlauf des Studiums besonders geregelt: Als normales Ingenieursstudium mit den dafür erforderlichen Grundlagen beginnend, folgt erst im zweiten Teil des Studiums die umfassende Spezialisierung auf medizinische Aspekte. "Ein umfangreiches Verständnis für den menschlichen Körper muss gegeben sein, damit der Mediziningenieur bei der Entwicklung neuer Implantate und Prothesen auch genau weiß, welche Kriterien zu berücksichtigen sind", erklärt Schilling. Wer das Studium meistern will, sollte sich für Technik begeistern und für den menschlichen Körper. Das Studium gilt als sehr anspruchsvoll. Die Studierenden werden interdisziplinär in Mathe, Physik und Mechanik, aber auch in Biologie und Anatomie ausgebildet. "Der Mediziningenieur bildet die Schnittstelle zwischen Ingenieur und Mediziner. Er versteht, was der Mediziner benötigt und entwickelt zusammen mit anderen Ingenieuren die entsprechende Prothese oder das benötigte Implantat", erklärt Schilling.

Nach dem Studium bieten sich viele berufliche Möglichkeiten. Die Spezialisten finden Jobs bei den großen Unternehmen der Branche in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen und im Vertrieb. Auch in der Wissenschaft sind die Aussichten für Mediziningenieure hervorragend. Die Aufstiegsmöglichkeiten gelten als sehr gut. "Die Branche erwartet eine rosige Zukunft", prognostiziert Schilling. Weil die Menschen immer älter werden, steigt auch der Bedarf Medizintechnik.

Arbeitszeit: 40 bis 50 Wochenstunden

Ausbildung: Studium, gegebenenfalls Promotion

Verdienst: ab 40.000 Euro