"Man verkauft seine Arbeitskraft, nicht seine Seele" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Frau Kleinschmidt, Weihnachtszeit ist Stresszeit. Überall hetzen die Menschen durch die Stadt, alle sind genervt und gestresst. Erkranken in der Weihnachtszeit eigentlich besonders viele Menschen an Burn-out?

Carola Kleinschmidt: Darüber gibt es keine Erhebungen, aber denkbar ist, dass sich durch die hohe Arbeitsbelastung am Ende eines Jahres noch einmal deutlich mehr Menschen besonders erschöpft fühlen und wahrscheinlich fragen sich viele Menschen derzeit, ob der ganze Stress überhaupt sein muss?

ZEIT ONLINE: Woran erkennt man ein Burn-out-Syndrom überhaupt? Wie bemerke ich, dass mein Kollege oder Mitarbeiter erkrankt ist?

Kleinschmidt: Das ist gar nicht so einfach. Es gibt mehr als 130 Symptome, mit denen sich das Syndrom zeigen kann. Das klinische Wörterbuch definiert Burn-out als emotionale Erschöpfung. Wir müssen das Burnout-Syndrom auch klar von einer Depression abgrenzen. Menschen, die am Burn-out-Syndrom erkrankt sind, fühlen sich unglaublich erschöpft, aber sie sind aktivierbar. Man fühlt noch sehr viel, ärgert sich, freut sich. Wer eine Depression hat, ist eher emotionslos. Jedoch gehören auch depressive Anteile dazu. Wenn ein Kollege sein Verhalten ändert, könnte das ein Anzeichen sein. Jemand, der vorher sehr engagiert war und sich plötzlich zurückzieht, nur noch Dienst nach Vorschrift macht, sehr angegriffen wirkt – das sind Indizien. Manchmal äußert sich das Syndrom auch über viele, kleine Kurzerkrankungen.  Andere verlieren das Maß für die Dinge, weil die Regulationsmechanismen aussetzen.

ZEIT ONLINE: Wie spricht man einen Kollegen oder Mitarbeiter auf solche Anzeichen an?

Kleinschmidt:  Man sollte vorsichtig nachfragen, wie es dem Kollegen oder Mitarbeiter geht, nachfassen, ob er oder sie sehr viel Stress hat und Signalsätze wie "Ich schaff das nicht" auch ernst nehmen. Problematisch ist, dass Burn-out-Erkrankte sich selbst nicht eingestehen, dass sie schon lange nicht mehr produktiv sind. Sie versuchen eher, ihre verminderte Leistungskraft durch noch mehr Arbeit zu kompensieren. Sie nehmen beispielsweise Akten mit nach Hause oder stempeln sich in der Firma aus und gehen durch die Hintertür wieder an ihren Arbeitsplatz.

Andere sind schon längst erkrankt, aber leisten noch überdurchschnittliche Arbeit. Führungskräfte sollten außerdem keinen zusätzlichen Druck aufbauen. Manchmal zeigt sich ja auch, dass das veränderte Verhalten ganz andere, private Gründe hat. Generell muss man aber sagen: Je besser die Unternehmenskultur, je offener kommuniziert wird, desto gesünder sind auch die Mitarbeiter. In Unternehmen, die sich aktiv um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter kümmern, kommen Stress-Erkrankungen seltener vor.

ZEIT ONLINE: Gibt es Branchen, in denen Burn-out besonders verbreitet ist?

Arbeits- und Lebenssinn voneinander trennen

Kleinschmidt: Das ändert sich derzeit – was auch ein ernst zunehmendes Zeichen dafür ist, wie ungesund unsere moderne Arbeitswelt ist. Man weiß, dass in sozialen Berufen und in der Pflege die Erkrankungsraten höher als in anderen Branchen sind. Auch Lehrer und Behördenmitarbeiter sind besonders häufig betroffen. Bei den Lehrern ist es besonders schlimm: Nur ein Bruchteil arbeitet bis zum Rentenalter, eine Vielzahl scheidet wegen psychischer und psychosomatischer Probleme vorzeitig aus dem Berufsleben aus. Bei den Behörden spielen vermutlich die sehr engen Arbeitsvorschriften und Hierarchien eine Rolle.

Denn entscheidend für das psychische Wohlergehen am Arbeitsplatz ist der Handlungsspielraum. Dieser wird in engen Strukturen als sehr begrenzt wahrgenommen. Wir wissen auch, dass Menschen in Projektarbeit häufiger erkranken. Projektarbeit beginnt bereits mit einem großen Druck, gearbeitet wird unter Dauerstress. Zudem gibt es neue Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass sich die Anzahl der psychischen Erkrankungen in der Krise erhöht haben.

ZEIT ONLINE: Kann man einen Unterschied zwischen Männern und Frauen feststellen?

Kleinschmidt:  Ja, aber der ist nur oberflächlich vorhanden: Frauen erkranken häufiger als Männer, jedoch nehmen sich Männer häufiger als Frauen das Leben – und man weiß, dass hinter jedem Suizid eine schwere psychische Krise steckt. Man vermutet, dass Frauen eher zum Arzt gehen, wenn sie sich unwohl fühlen – und auch deshalb häufiger in die Statistik kommen. Männer sagen oft nichts, halten die Situation aus und versuchen, ihr Unwohlsein vielleicht mit Alkohol zu betäuben oder durch exzessiven Sport zur Ruhe zur kommen. Und wenn wir dann noch gucken, in welchen Branchen die an Burn-out-Erkrankten arbeiten, stellen wir fest, dass es typische Frauenberufe sind: Pflege, Soziales, Bildung und Erziehung.

Außerdem haben Frauen viel häufiger Doppelbelastungen. Ich denke, am Ende hält es sich die Waage. Die Arbeit kann Männer und Frauen gleichermaßen krank machen. Vielmehr muss man sich fragen, welcher Typus am ehesten erkrankt. Das sind Perfektionisten, Menschen, die sich sehr stark engagieren, sehr leistungsorientiert sind. Es sind auch Menschen, die sehr abhängig von der Anerkennung von außen sind. Und sich von den Anforderungen regelrecht durch den Tag hetzen lassen. Aber auch wenn die Wertschätzung ausbleibt, wenn die Unsicherheit sehr groß ist – zum Beispiel bei Freiberuflern oder Menschen in befristeten Arbeitsverträgen – dann kann die Arbeit krank machen .

ZEIT ONLINE: Sind Führungskräfte nicht besonders gefährdet?

Kleinschmidt: Nicht unbedingt. Sie haben vielleicht sehr viel mehr Druck und Verantwortung, aber sie haben meist einen großen Handlungsspielraum und bekommen genügend Wertschätzung und Anerkennung, durch die Hierarchie, durch ein sehr gutes Gehalt oder einen sehr abgesicherten Vertrag. Manche können so viele Jahre lang hohe Arbeitsanforderungen sehr gut aushalten. Sie empfinden ihren Job gar nicht als Dauerstress, sondern als Herausforderung, weil die Energiebilanz am Ende stimmt.

Es hängt auch von der eigenen psychischen Konstitution ab. So gibt es ja auch Personen, die wirklich anstrengende Arbeitsbedingungen haben und ein ganzes Arbeitsleben lang sehr gesund sind. Sie haben offensichtlich große Fähigkeiten, sich ein Gefühl für den eigenen Rhythmus zu bewahren, können unterscheiden, welche Anforderungen sie gut machbar finden und wo sie "Nein" sagen. Sie sind selbstsicher – auch wenn es im Job mal schief läuft – und wissen, wie sie sich erholen.

ZEIT ONLINE: Was kann man also tun, um möglichst lange gesund zu bleiben?

Kleinschmidt: Man sollte sich erst einmal fragen, ob der ganze Stress überhaupt notwendig ist. Selbst wer einen begrenzten Handlungsspielraum hat, kann etwas verändern. Das Problem ist, dass mit der begrenzten Möglichkeit zur Handlung auch ein begrenztes Denken einhergeht. Oft erkennt man die Veränderungsmöglichkeiten gar nicht erst, weil man sich so an die starren Arbeitsstrukturen gewöhnt hat. Da kann es helfen, wenn man mit Kollegen spricht und gemeinsam überlegt, wie man den Stress reduzieren könnte. Ziemlich viel Stress entsteht zum Beispiel, wenn E-Mails immer an alle in "cc" verfasst werden. Stellen wir uns eine Abteilung mit 20 Mitarbeitern vor und jeder schickt am Tag eine E-Mail an alle in cc, die vielleicht nur an einen Einzelnen oder an wenige Kollegen gerichtet ist. Das steigert sich leicht ins Unermessliche.

Auf diese Weise gibt aber jeder den Druck an alle anderen weiter. Das ist nicht zielführend. Dann ist es wichtig, ausreichend Pausen zu machen. Wichtig ist dabei, in der Pause wirklich abzuschalten. Gleichzeitig sollte man darauf achten, genug Schlaf zu haben, genug Bewegung und sich gesund zu ernähren. Und wichtig ist, dass man unterscheidet zwischen den Aufgaben, die wirklich wichtig und sinnvoll sind und den Dingen, die erst mal warten können oder einen eigentlich gar nichts angehen. Das sind vielleicht Binsenweisheiten, aber sie sind wichtig.

Wer hingegen eine Fließbandarbeit verrichtet, hat wirklich wenig Handlungsspielraum. Diese Menschen sind besonders abhängig davon, dass sich das Unternehmen um gesunde Arbeitsbedingungen kümmert und die Führungskräfte dafür sorgen, dass im Team eine Atmosphäre von Unterstützung und Wertschätzung ist. Die größte Veränderung erzielt man über das Denken: Wir alle haben mal gelernt, dass man uns nur lieb hat, wenn wir auch etwas leisten. Das muss aufhören, auch diese Vermischung von Lebenssinn und Arbeitssinn. Wer berufstätig ist, verkauft seine Arbeitskraft – nicht seine Seele.

Die Fachjournalistin für Arbeits- und Gesundheitsschutz, Carola Kleinschmidt , hat gemeinsam mit dem Mediziner und Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg sowie Vorstandsmitglied im Bündnis gegen Depression , Hans-Peter Unger, das Buch "Bevor der Job krank macht" geschrieben. Das 2006 erschienen Buch ist ein Bestseller zum Thema Burn-out. Die Fragen stellte Tina Groll.