Basel ist eine schöne Stadt und liegt im Dreiländerdreieck. Basel hat alles, was eine Stadt mit hoher Lebensqualität auszeichnet. Das Universitätsspital der Stadt ist sogar eines der größten medizinischen Zentren in der Schweiz. Und es hat Bedarf an Ärzten. Gut 50 offene Stellen sind allein auf der Homepage der Klinik gelistet. Und das, obwohl es in dem Schweizer Krankenhaus sowieso schon deutlich mehr Ärzte gibt als in vergleichbaren deutschen Krankenhäusern. "Auf der neurologischen Station haben wir maximal 24 Patienten, die von fünf Ärzten und drei Ärzte im praktischen Jahr betreut werden ", sagt Özgür Yaldizli.

Seine Eltern stammen aus der Türkei, er selbst ist in Deutschland aufgewachsen und hat in Düsseldorf studiert. Vor etwa fünf Jahren ging der 35-jährige Arzt in die Schweiz, arbeitete in Kliniken in Basel, Zürich, Sankt Gallen und ist seit einem halben Jahr Oberarzt in der neurologischen Abteilung des Universitätsspitals Basel. Mit den Arbeitsbedingungen für Mediziner in Schweizer Krankenhäusern können die deutschen Kliniken nicht mithalten. Deshalb plant laut einer Studie der Berliner Universitätsklinik Charité jeder dritte Arzt im praktischen Jahr ins Ausland zu gehen. Das lockt mit geregelten Arbeitszeiten und deutlich höherem Einkommen. Yaldizli hat sein Netto-Gehalt von einem Monat auf den anderen fast verdoppelt und wurde in den Vorstellungsgesprächen gefragt: "Wollen Sie ganz oder in Teilzeit arbeiten?" Mehr Freizeit – mehr Geld: das zieht. Der Abwanderungstren d gefährdet jedoch die medizinische Versorgung in Deutschland.

Rund 16.000 Ärzte sind im Zeitraum zwischen 2001 und 2008 ausgewandert, beklagt die Bundesärztekammer. Mehr als 3000 Ärzte verließen Deutschland im Jahr 2008, im selben Jahr schlossen rund 10.000 ihr Medizinstudium ab. Problematisch: Die abwandernden Ärzte sind in der Regel älter und erfahren. "Der aus unserer Sicht typische Arzt, der ins Ausland wechseln will, ist der Facharzt, der zwischen zwei und 20 Jahren in Deutschland ausgebeutet wurde, sich angesichts seines Alters um die 45 und seiner Lebenssituation mit großen Kindern noch einmal etwas Neues wagen möchte", sagt Frank Herbst. Er ist Gründer eines Unternehmens in Leipzig, das Ärzte ins Ausland vermittelt. Herbst hat nach eigenen Angaben mehrere tausend Interessenten in seiner Kartei, für die er neue Jobs aus Tausenden offenen Stellen in England, Neuseeland, Skandinavien, Frankreich, Österreich und der Schweiz auswählt. In der letzten Zeit hat Herbst auch vermehrt Anfragen von ganz jungen Medizinern.

Die Studie vom Institut für Medizinische Soziologie an der Berliner Universitätsklinik Charité offenbart die Gründe: Die Verhältnisse an Deutschlands Krankenhäusern gehen an den Bedürfnissen junger Mediziner vorbei, zudem ist der Frauenanteil im Beruf deutlich gestiegen . Unter den Absolventen stellen sie mit 60 Prozent die Mehrheit. Die jungen Medizinerinnen und Mediziner können ihren Beruf aber nur sehr schwer mit Familie vereinbaren. Im September vergangenen Jahres wurden rund 240 Medizinstudenten im praktischen Jahr an der Charité nach ihrer Karriere- und Lebensplanung befragt. Etwa ein Drittel gab an, eine Tätigkeit im Ausland zu planen, rund die Hälfte war unentschlossen und nur knapp 15 Prozent waren sich sicher, nicht ins Ausland gehen zu wollen. "Zunehmender Kostendruck und steigende Bürokratisierung wirken sich in Form von Leistungsverdichtung und patientenfernen Tätigkeiten auf die ärztlichen Arbeitsbedingungen aus", sagt Studienleiterin Susanne Dettmer. Jeder zweite Befragte bewertet die Gesundheitsreformen negativ und erwartet weitere Verschlechterungen in der Gesundheitsversorgung sowie den Arbeitsbedingungen. "Das lässt den Schluss zu, dass die Entwicklung im Gesundheitswesen Ärzte ins Ausland treibt."

Den Auswanderungstrend bestätigt auch Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer. Nach Berechnungen der Kammer sei die Anzahl derjenigen, die ihr Studium erfolgreich beenden, dann aber nicht in die Facharztausbildung am Krankenhaus einsteigen, erschreckend hoch: jeder fünfte Absolvent ginge demnach der kurativen Medizin verloren . Hoppe fordert: "Wir brauchen mehr Stellen in den Kliniken, flexible Arbeitszeitmodelle, Abbau von Überstunden und Bürokratie, eine bessere Bezahlung und endlich mehr Angebote für die Kinderbetreuung."

Fast alles davon hat Yaldizli in Basel vorgefunden und er hat im Spital eine Kollegin kennen gelernt, die ebenfalls aus Deutschland stammt. Jetzt sind sie verheiratet und planen ihre gemeinsame Zukunft auf Dauer in der Schweiz. Besonders interessant sind für das Paar die vielfältigen Möglichkeiten von Teilzeitarbeit. Zwischen 30 und 100 Prozent ist jede Form möglich. In seine Heimat will Yaldizli nicht mehr zurück: "In der Schweiz bin ich weniger Ausländer als ich das in Deutschland war."