Wenn Imke Hansen nicht gerade selbst mit Überlebenden spricht, forscht sie: in Gedenkstätten, Archiven und Universitäten in Deutschland, Polen, Israel und Belarus.

Begleitet wird sie bei ihrer Arbeit häufig von ihrer Kollegin Kristin Platt, die als sozialpsychologische Sachverständige arbeitet. Kristin Platt hat das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum aufgebaut. Das einzige Institut für Völkermordforschung in Deutschland. Als Wissenschaftlerin bringt sie ihre zwanzigjährige Erfahrung mit traumatischen Nachfolgen bei Überlebenden im hohen Lebensalter ein. Sie erstellt Glaubwürdigkeitsgutachten für das Gericht und ist für die sogenannte forensische Aussageanalyse zuständig. Ihre Aufgabe ist es, Erzählungen und deren Strukturen zu dekodieren.

"Je fragmentarischer ein Bericht ist, umso glaubwürdiger ist er", erläutert sie. "Die Ghetto-Situation war eine Extremsituation und hat Menschen teilweise schwer traumatisiert. Deswegen sind die Erinnerungen verschwommen und werden immer wieder neu konstruiert. Authentische Erinnerung gibt es nicht. Aber das wird in den Anhörungen immer wieder gefordert." Ihr ist es wichtig "etwas für die leisen Überlebenden zu tun, die keine Entschädigung bekommen haben und sich mit ihren Anträgen nicht zu den Behörden trauen."

Noch am Abend bereiten sich Hansen und Platt gemeinsam in der Business Lounge des Hotels auf die Anhörung von Bella Grünwald vor, die am nächsten Tag stattfindet. Die Vorbereitung umfasst ein intensives Studium der Gerichtsakten mit ihren Attesten, eidesstattlichen Erklärungen und bisherigen Angaben zur Ghetto-Rente und zu vorherigen Bundesentschädigungsverfahren.

Am Morgen der Anhörung liegt ganz Jerusalem unter einer Dunstglocke. Die Klägerin Bella Grünwald hat Auschwitz überlebt. Heute geht es darum, ob die orthodoxe Jüdin in Ungarn in einem Ghetto war. Ob sie dort "aus eigenem Willensentschluss" gearbeitet hat, wie lange sie gearbeitet hat und ob ihre Tätigkeiten entlohnt wurden. Am Ende von Bella Grünwalds Schilderungen fragt Imke Hansen nach Details. Was es für ein Tag war, an dem sie ins Ghetto gekommen ist, wie der Ort aussah, an dem sie untergebracht war, was sie aus dem Fenster sehen konnte. Schon während der Schilderungen schreibt sich die Historikerin über Skype mit ihrer Kollegin, die Expertin für Judenverfolgung in Ungarn ist. Im Anschluss stellt Kristin Platt vorsichtig weitere Fragen nach der Jahreszeit und rückt dabei behutsam ihre braune Brille auf der Nase zurecht. Als die beiden Sachverständigen ihre Stellungnahmen abgeben, fallen sie zugunsten der Klägerin aus.