Dieses Urteil ist ein Paukenschlag. Die Kündigung der als "Emmely" bekannt gewordenen Supermarktkassiererin ist durch das Bundesarbeitsgericht aufgehoben. Durch alle Instanzen musste sich die Mutter von drei Kindern klagen, um endlich Recht zu bekommen. Das Urteil könnte richtungsweisend sein. Da wird eine Kassiererin nach 31 Jahren fristlos gekündigt. Wegen 1,30 Euro, die sie unterschlagen haben soll. Beweise gab es keine, nicht einmal eine Abmahnung, keine Zurechtweisung. Allerdings hatte sich die Kassiererin an einem Streik beteiligt. Wurde sie deswegen gekündigt? Wollte ihr Arbeitgeber, eine Supermarktkette, an ihr ein Exempel statuieren? "Emmely" wurde zum Symbol einer Gerechtigkeitsdebatte.

Befürworter der Kündigung betonten, man müsse sich den Fall genau ansehen. Dann könne man nur zu dem Schluss kommen, zu dem alle Instanzen zuvor gekommen sind – dass die fristlose Entlassung rechtmäßig war. Diese Analysen haben sich jetzt als falsch entpuppt.

Der Hintergrund: Kunden hatten zwei Pfandbons verloren. Eine andere Kollegin fand diese und gab sie dem Marktleiter. Der wies "Emmely" an, die Bons aufzubewahren, falls sich der Kunde melde, der sie verloren hatte. Falls nicht sollten die Bons im Wert von 1,30 Euro als Fehlbons verbucht werden. Die Bons wurden im Büro verwahrt. Fast zwei Wochen später soll "Emmely" die Bons eingelöst haben. Das bestritt die dreifache Mutter. Es gab Gespräche mit dem Arbeitgeber und dem Betriebsrat. Hier soll sich "Emmely" in "Lügengeschichten" verstrickt haben. Mal soll eine Kollegin die Bons eingelöst haben, dann soll sie angegeben haben, die Bons gehörten ihrer Tochter. Der Arbeitgeber soll allen Erklärungen nachgegangen sein.

Fest steht: Durch das Verhalten der Mitarbeiterin nahm das Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiterin Schaden. Einen so großen, dass alle Instanzen zuvor die Kündigung für rechtmäßig hielten . Die dreifache Mutter verlor ihre Arbeit und damit ihre Existenzgrundlage für sich und ihre Kinder. Wegen 1,30 Euro, einer Nichtigkeit. Nicht berücksichtigt wurden 31 Jahre Betriebszugehörigkeit, 15 davon in der betreffenden Filiale, auch nicht die Überstunden, das Engagement, die Arbeit, die "Emmely" in drei Jahrzehnten geleistet hat. Drei Jahrzehnte! "Emmely" bekam nicht etwa eine Abmahnung und damit die Chance, ihr Verhalten zu ändern, sie wurde gefeuert.

Zentraler Begriff in allen Urteilsbegründungen war stets das Vertrauen. Das Wort Verhältnismäßigkeit hingegen kam nicht vor. Dem hat das Bundesarbeitsgericht nun Genüge getan. Jetzt ist klar: Ein Mitarbeiter hat nach drei Jahrzehnten Betriebszugehörigkeit eine zweite Chance verdient, selbst wenn er einmal lügt.

Wo kommt es nicht vor, dass Mitarbeiter, die kleinere und mittelschwere Fehler begehen, die Schuld von sich auf andere Kollegen schieben? Ja, dieses Verhalten ist nicht korrekt. Aber es ist menschlich. Menschen machen Fehler, Menschen sind egoistisch, gerade dann, wenn sie in ihrer Existenz bedroht sind. Wenn es stimmt, dass "Emmely" gelogen hat, hätte dafür ein schlüssiger Beweis erbracht werden müssen und dann hätte eine Abmahnung erfolgen müssen. Klar ist, dass der Arbeitgeber Lügen nicht tolerieren kann. Er verlangt zu Recht Vertrauen und Loyalität, aber im Gegenzug muss er faire Arbeitsbedingungen schaffen. Möglicherweise hat "Emmely" gelogen, weil sie ihrem Arbeitgeber nicht vertraute und gleich mit einer Kündigung rechnete?