Ja, es fehlen die Gläser. "Aber es geht nicht darum, schärfer zu sehen, es geht darum, schärfer auszusehen!", sagt Cantemir Gheorghiu. Der  Grafik-Designer hat den Berlinern ein neues Trend-Spielzeug geschenkt: die Pappbrille.

Pappbrillen waren bisher nur als 3-D-Modelle unangenehm aufgefallen. "Ziemlich unstylisch", findet Gheorghiu, der sich lieber "Cante" nennt. "Der große Vorteil an meiner Pappbrille ist: wenn man etwas im Auge hat, kann man durch die Brille durchgreifen. Man sieht also sogar dabei geil aus!"

Das ist wichtig in Berlin-Mitte, wo Cante seit 19 Jahren zwischen Agenturen, Ateliers und Anzugträgern lebt und arbeitet. Das Modediktat und affektierte Gehabe nervte ihn schon lange. Und dann auch noch überall diese hässlichen Hornbrillen! Also schnitt er eines Abends eine Brille aus Pappe aus, setzte sie sich auf die Nase und zog los in einen angesagten Club. Plötzlich war alles anders. Die Leute waren freundlich und das Mädchen an der Bar wollte statt Geld lieber eine Pappbrille von ihm. "Da wusste ich: Diesen arroganten, dekadenten Styloquatsch finden eigentlich alle blöd!"

Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich teure Markenbrillengestelle für mehrere hundert Euro kaufen musste, um nicht unangenehm aufzufallen. Cante verkauft seine Pappbrillen mit dickem Rand für einen Euro pro Stück. Mitte-Style zu Hartz-IV-Preisen, so wirbt der Erfinder für sein Produkt. Mit der Kasten-Pappbrille kann nun jeder beim Berlin-Mitte-Style mitmachen oder diesen – noch besser – ironisch brechen.

Der Selbsttest zeigt: Pappnasen sind glücklicher und haben mehr Freunde. Kaum hat man die bunten Papier-Gestelle auf, muss man lachen. Und man wird angelacht. Neue Freunde kommen quasi von selbst. Schließlich möchte jeder wissen, was zur Hölle man da eigentlich trägt.

Innerhalb nur eines Monats hat Cante es geschafft, mit seiner Idee Profit zu machen. Er entwarf verschiedene Modelle, besorgte sich bunte Pappen, beklebte sie mit Stoffen, feilte an Knicktechniken, entwickelte Papp-Etuis. Er bastelte sich einen Bauchladen und ein Logo – Pappbrille, eine gepappte Marke –, setzte eine Website auf und bestellte Werbeflyer. Freunde halfen.