Mal ist es ein mysteriöses Klopfen aus dem Kleiderschrank, mal sind es Gegenstände, die ohne menschliches Zutun durch die Luft fliegen: Ungefähr 70 Prozent der Deutschen glauben, schon einmal Zeuge eines paranormalen Ereignisses geworden zu sein. Einige beschäftigt ein solches Erlebnis so sehr, dass sie Hilfe bei Spezialisten suchen. Walter von Lucadou ist einer davon. Er ist Parapsychologe und seit 1989 Leiter der parapsychologischen Beratungsstelle des Vereins Wissenschaftliche Gesellschaft zur Förderung der Parapsychologie e. V. in Freiburg. Von Lucadou und seine vier Mitarbeiterinnen beschäftigen sich täglich mit Ereignissen, die den meisten Menschen einen Schauer über den Rücken jagen – rund 3000 Fälle pro Jahr bearbeiten sie.

"Uns rufen Menschen an, die Dinge erlebt haben, die sie nicht verstehen. Diese ungewöhnliche Erfahrungen untersuchen wir und versuchen zu erklären, was den Menschen widerfahren ist", sagt von Lucadou.  Ein bisschen so wie Geisterjäger. Die Anfänge der Parapsychologie finden sich im späten 19. Jahrhundert. Der Begriff wurde durch Max Dessoir geformt. Der Professor der Philosophie und Psychologie war seinerzeit der Meinung, dass Ereignisse, die über gewöhnliche Begebenheiten hinausgehen, einem gesonderten Zweig der Psychologie zugeordnet werden sollten. Er nannte diesen Zweig Parapsychologie, übersetzt bedeutet das soviel wie erweiterte Seelenkunde. Der griechische Buchstabe Psi dient als Kürzel für parapsychologische Phänomene.

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Heute sorgt allein das Wort Parapsychologie für Schmunzeln und Kopfschütteln. Zu Unrecht, wie von Lucadou findet. Denn mit Geisterjagd hat die Arbeit rein gar nichts zu tun. "Es geht gar nicht darum, die Existenz von Geistern zu beweisen, sondern um die Untersuchung ungewöhnlicher Ereignisse auf der Basis wissenschaftlicher Grundlagen. Wir möchten den Betroffenen erklären, was ihnen Ungewöhnliches widerfahren ist", sagt von Lucadou. Dass er oft als Spinner bezeichnet wird, stört den Wissenschaftler nicht. "Wenn man sich mit ungewöhnlichen Dingen befasst, darf man nicht pingelig sein."

Doch nicht nur die Wissenschaftler haben mit Vorurteilen und Spott zu kämpfen, auch die Betroffenen werden meist nicht ernst genommen. "Viele Menschen sind nach einen rätselhaften Erlebnis zunächst hilflos und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, ohne für verrückt erklärt zu werden", sagt von Lucadou. Voreingenommenheit ist in der Parapsychologie daher fehl am Platz. "Die Menschen müssen das Gefühl haben, dass wir ihnen glauben. Und das tun wir grundsätzlich erst einmal. Oft müssen wir die Leute ermuntern, uns wirklich das zu berichten, was sie erlebt haben", sagt von Lucadou.

Gleichzeitig sind Skepsis und Distanz wichtig. "Jedes Ereignis wird neu hinterfragt und nicht gleich in eine Schublade gesteckt. Wir müssen immer überlegen, was es alles sein kann, ohne dabei gleich zu kategorisieren", sagt der Parapsychologe. Manche Rätsel kann der Wissenschaftler sogar schon am Telefon lösen. Häufig berichten ihm Menschen, dass sie nachts aufgewacht sind und sich nicht bewegen konnten. Das jagt Angst ein. Stecken Außerirdische dahinter? Ein böser Fluch? Nein. Das Phänomen tritt recht häufig auf und heißt Schlafparalyse nennt. "Das hängt damit zusammen, dass die Motorik während des Schlafens abgeschaltet wird, das Gehirn aber schon wach ist. Dann tritt manchmal dieses Phänomen auf. Ab und an halluzinieren die Personen auch und nehmen beispielsweise Gestalten im Raum wahr. Auch das ist bekannt und nennt sich hypnagoger Zustand", erklärt der Parapsychologie.

Allerdings kann er nicht jedes Ereignis so leicht erklären. Gut im Gedächtnis geblieben ist ihm der Fall eines Mannes, der Stimmen aus seinem Wasserkessel vernahm, sobald er diesen auf den Herd stellte. Von Lucadou musste lange recherchieren, bis ihm auffiel, dass die Stimmen aus dem Wasserkessel eigentlich Stimmen aus einem Radio waren. Des Rätsels Lösung: Ein naher Mittelwellensender lies seinen Kessel als Empfänger fungieren, der Mann konnte mit seinem Teekessel Radio hören. Ein seltener, physikalisch betrachtet aber erklärbarer Vorfall. "Für die Betroffenen ist es aber meist ein erschreckendes Erlebnis. Für mich ist ein Fall, den es mittels wissenschaftlicher Methodik zu lösen gilt", sagt von Lucadou.