ZEIT ONLINE: Frau Griese, Familienministerin Kristina Schröder schlägt vor, einen bundesweiten freiwilligen Zivildienst einzuführen , wenn die Wehrpflicht ausgesetzt wird. Was halten Sie davon?

Kerstin Griese: Wir begrüßen natürlich, dass sich das Ministerium mit dieser Frage auseinandersetzt. Allerdings lässt der Vorschlag noch viele Fragen offen. In seiner jetzigen Form würde er eine große Lücke reißen, da etwa die Hälfte aller Zivistellen verloren ginge. Das kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein.

ZEIT ONLINE: Was wäre die Folge?

Griese: Derzeit haben wir in Deutschland 90.000 Zivildienstleistende, die bislang neun Monate lang im Einsatz waren und jetzt nur noch sechs Monate tätig sind. Allein durch die Verkürzung des Dienstes kommen viele Einrichtungen schon in Bedrängnis .

Gäbe es nur 35.000 freiwillige Stellen, wie die Ministerin vorschlägt, würde wichtige soziale Infrastruktur wegfallen. Für viele Behinderte, alte Menschen und Kinder sind die Zivis wichtige Bezugspersonen. Etwa zwei Drittel aller Zivildienstleistenden arbeitet direkt mit Menschen. In vielen Einrichtungen hat das Personal keine Zeit zum Spielen, Reden, Basteln, Einkaufen und ähnlichem. Diese Arbeit wird jetzt noch von den Zivis übernommen und könnte künftig nicht mehr geleistet werden. Im Übrigen schwächt der Vorschlag des Familienministeriums auch andere Freiwilligendienste, wie das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das es ja auch in den Bereichen Kultur, Sport und Umwelt gibt.

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Griese: Freiwillige Dienste sollten allgemein gestärkt und gleichgestellt werden, ohne dass es eine Konkurrenz zwischen Zivildienst und FSJ gibt. Jedem Schüler müsste ein Angebot gemacht werden. Der Wert eines solches Engagements ist hoch für die Gesellschaft, für die Menschen in den Einrichtungen und für die jungen Leute, die von den Erfahrungen in dieser Zeit lange persönlich und meistens auch beruflich profitieren.
 

ZEIT ONLINE: Worin besteht das Ungleichgewicht zwischen Zivildienst und FSJ?

Griese: Es gibt etwa 35.000 FSJler in Deutschland, die in sozialen, kulturellen oder ökologischen Einrichtungen oder im Sport arbeiten. Sie bekommen zwischen 150 bis 200 Euro Taschengeld, kosten die Einrichtungen aber das Dreifache, da es für den Freiwilligendienst kaum öffentlichen Zuschüsse gibt.

Die Zivildienstleistenden sind, da es sich um einen Pflichtdienst handelt, für die Einrichtungen sehr viel günstiger. Sie bekommen mit etwa 500 Euro im Monat auch deutlich mehr Geld als FSJler. Die Zivis sind natürlich alle Männer – das Freiwillige Soziale Jahr wird dagegen zu 80 Prozent von Frauen absolviert.

Der Zivildienst dauert nur sechs Monate, ein FSJ in der Regel ein ganzes Jahr. Trotzdem gibt es für ein soziales Jahr doppelt so viele Bewerber wie Plätze. Die jungen Leute, die diesen Dienst machen möchten, bringen also eine erhebliche Motivation mit. Das FSJ hat damit seine ganz eigene Qualität.