Jeff Smisek, 55, ist vom Firmenanwalt zum Konzernchef aufgestiegen. Ab 1. Oktober 2010 wird er United Airlines führen, die nach der Fusion mit Continental Airlines größte Fluggesellschaft der Welt. Jeff Kindler, ebenfalls 55, war früher Hausjurist bei General Electric und McDonald's. Der Aufsichtsrat von Pfizer ernannte auch ihn 2006 überraschend zum Vorstandschef, obwohl der Kandidat keinerlei Erfahrung im Pharma-Management vorweisen konnte.

Zwei Weltmarktführer haben mit der Beförderung eines Top-Anwalts ins höchste Manageramt einen bemerkenswerten Trend unterstrichen: Advokaten erobern immer häufiger die Chefsessel Amerikas. Neun Großkonzerne aus der Riege der Fortune 50-Firmen werden inzwischen von Juristen geführt, in der vergangenen Dekade waren es erst drei. Ob bei der Bank of America, beim Baumarkt-Riesen Home Depot, dem Versicherer Metlife oder der Supermarktkette Kroger – stets entschieden sich die Aufsichtsräte bei der CEO-Wahl für einen Anwalt. Der Trend werde sich in der nächsten Dekade noch verstärken, sagt James Bradford von der Managementschule der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, voraus.

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Gründe für den Aufstieg der sogenannten JD's (Juris Doctor) gibt es reichlich. Sie seien per se starke Persönlichkeiten und mit Qualifikationen gesegnet, die man als Chef einer großen Firma gerade in schwierigen Zeiten benötige, sagen die einen: Besonnen in der Krise, analytisch und korrekt, überzeugend in der Kommunikation. Für die anderen illustriert die wachsende Schar der Juristen-CEOs vor allem die Furcht vieler Boards vor einem Rechtssystem, das in den vergangenen Jahren außer Rand und Band geraten ist.

Philip Howard ist einer der prominentesten und schärfsten Kritiker dieses Systems: Der 62-Jährige ist selbst Anwalt in New York, darüber hinaus Buchautor (Life without Lawyers) und Gründer der Non-Profit-Organisation Common Good. Das Phänomen, dass Anwälte als Vorstandsvorsitzende reüssierten, vergleicht Howard mit der Invasion der Körperfresser – in Anlehnung an einen gleichnamigen Science-Fiction-Roman von Jack Finney. Nur weil es immer mehr Vorschriften und Gesetze gebe, würden inzwischen Anwälte gebraucht, um Firmen zu managen, sagt Howard. Aus dem Land of the free sei über die Jahre ein "legales Minenfeld" geworden.

Howards Anklage ist mit Zahlen gut unterfüttert. Das teuerste Rechtssystem der Welt verschlang bereits 2008 mehr als 250 Milliarden. Dollar an direkten Kosten und damit 1,8 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts. In anderen OECD-Ländern liege der Durchschnitt nicht einmal halb so hoch, sagt Scévole de Cazotte vom Institute for Legal Reform, einer Interessenvertretung der US-Handelskammer. Das sei ein Grund, weshalb das Gewicht der Juristen in Unternehmen deutlich zugenommen habe. Entwarnung sei nicht in Sicht, eher eine Ausweitung der Klageflut auf andere Länder, betont de Cazotte: "Wir haben Bedenken, dass die schlimmsten Teile des Systems ins Ausland exportiert werden – nicht nur nach Europa, auch nach Lateinamerika sowie nach Asien." So gebe es etwa in Großbritannien große Anwaltsfirmen und entsprechend mächtige Lobbygruppen, die Teile des Systems zu kopieren versuchten.

Dabei sind es nicht allein die vielen Prozesse und drakonischen Strafen, die nationale wie internationale Firmen gleichermaßen beunruhigen. Es gebe insgesamt "eine wachsende Flut von Vorschriften für die Industrie", schrieb Fred Irwin, Präsident der amerikanischen Handelskammer in Deutschland, kürzlich in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt: "Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Das können wir auch nicht schönreden." Sarbanes Oxley und weitere Regulierungsmonster, hier neue Auflagen, dort eine Strafzahlung: Corporate America fühlt sich belastet wie selten zuvor.

Als Mahnmal dient ihnen das Beispiel Wyeth: Der Pharmakonzern aus New Jersey hat innerhalb fünf Jahren 25 Milliarden Dollar in Rechtskosten gesteckt, deutlich mehr als in Forschung und Entwicklung. Kein Wunder, dass Wyeth in Schieflage geriet. Im Vorjahr kam Jeff Kindler, der Anwalt, und übernahm den Konkurrenten – wie es sich für einen Vorstandschef des Weltmarktführers Pfizer gehört.

(Zuerst erschienen im Handelsblatt)