Um der Arbeit willen nach Schweden zu gehen, war für ihn das größte Glück, sagt Christian Gerlach. Der 27-jährige Tischler arbeitet seit drei Jahren in dem skandinavischen Land. Hier verdient er nicht nur deutlich mehr als früher als Geselle in seinem alten Betrieb in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein – er hat überdies auch die Möglichkeit, sich beruflich weiterzubilden. Gerlach holt an einem Technik-College das Abitur nach und möchte anschließend noch einmal einen ganz neuen Beruf erlernen und Erziehungswissenschaften studieren. In Deutschland wäre daran nicht zu denken, ist er sich sicher.

"Das berufliche Bildungssystem in Deutschland ist wenig durchlässig. Hier läuft alles nach dem Sprichwort: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Es ist fast unmöglich, einen zweiten staatlich anerkannten Beruf im erwachsenen Alter zu erlernen", sagt Rainer Weinert, Professor für Soziologie und Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin. Er hat im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung in einer vergleichenden Studie untersucht, wie sich die berufliche Weiterbildung in Deutschland und den skandinavischen Ländern unterscheidet .

"Die Unterschiede sind gravierend. Wenn Deutschland sein System nicht umbaut, wird sich der Fachkräftemangel negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken ", sagt Weinert. Die Zeiten, in denen die Unternehmen sich die besten Auszubildenden und jungen Fachkräfte aus den geburtenstarken Jahrgängen aussuchten konnten, seien vorbei. Betriebe dürften heute nicht mehr wählerisch sein und müssten auch Schulabgänger mit Defiziten ausbilden oder Facharbeiter mit schlechten Abschlüssen einstellen, rät der Experte.

In Skandinavien macht man es schon so. Dänemark, Norwegen und Schweden haben Bildungssysteme, die auf ein lebenslanges Lernen ausgerichtet sind. Sie ermöglichen es, auch mitten im Berufsleben einen ganz neuen Job zu erlernen oder den Schulabschluss nachzuholen, der in der Jugend versäumt wurde. Bezahlt wird die berufliche Weiterbildung in Skandinavien durch öffentliche Zuschüsse, Gewerkschaften und die Arbeitgeber. Besonders Letztere sind die treibenden Kräfte: Schließlich haben die Unternehmen ein Interesse daran, den Arbeitskräftebedarf mit Einheimischen zu decken, sagt Weinert.

Die skandinavischen Bildungssysteme zu verklären, wäre allerdings falsch. So hat ausgerechnet das so oft als Beispiel angeführte Schweden eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit : Die Arbeitslosenquote bei den bis zu 24-Jährigen lag im vergangenen Jahr bei 25 Prozent. Im Vergleich dazu steht Deutschland mit 10,4 Prozent gut da. Der hohe Wert in Schweden ist mit dem Schulsystem zu erklären, das vorrangig auf die Hochschulreife ausgerichtet ist. Wer nicht das Abitur macht, gerät leicht ins Hintertreffen. Die berufliche Erstausbildung findet in Schweden zudem an staatlichen Schulen statt, nicht in den Unternehmen. Der Übergang von der Schule in den Beruf fällt deshalb schwer – viele junge Schweden finden keinen Job.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, hat das Land eine "recht pragmatische Lösung gefunden: Man qualifiziert die Jugendlichen und Erwachsenen einfach nach", sagt Weinert, der das System untersucht hat. Auf Initiative von Unternehmen, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften werden seit 2003 überall in Schweden sogenannte Technik-Colleges gegründet. Dies sind nicht etwa neue Einrichtungen, vielmehr handelt es sich um eine Art Exzellenzinitiative: Bereits etablierte Schulen und bestehende Weiterbildungseinrichtungen erhalten den Titel eines "Technik-Colleges", wenn sie ihre Lehrangebote mit den lokalen Unternehmen und deren Bedarf an Fachkräften abstimmen. So sind ein hoher Praxisbezug in der Ausbildung und eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie gesichert. Wer an einem Technik-College studiert, wird zumeist direkt am Arbeitsplatz oder eben am künftigen Arbeitsplatz ausgebildet.

In Deutschland ist man von solch einem Weiterbildungskonzept noch weit entfernt. Christian Gerlach kann das bestätigen. Sein Weg in den Beruf verlief von Anfang an holprig. Schon in der Grundschule fiel ihm das Lernen schwer. In der Hauptschule musste er ein Jahr wiederholen und fand nach dem Abschluss, den er nur mit Mühe schaffte, lange keine Lehrstelle. Irgendwann klappte es doch in einer Tischlerei: eher eine Verlegenheitslösung. Nach seiner Ausbildung, die Gerlach "gerade so" bestanden hatte, arbeitete er zwei Jahre lang als Geselle. Dann meldete der Betrieb Konkurs an.

Es folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit. Gerlach schrieb Bewerbungen und erhielt Absagen. Weil er in seinem Beruf keinen Job fand, machte er ein Praktikum in einem Kindergarten und entdeckte sein Interesse für den Beruf des Erziehers. Eigentlich werden junge Erzieher gesucht. "Doch für die Ausbildung hätte ich eine Erzieherschule besuchen müssen – und die kostet", erinnert sich der junge Mann. Mittlerweile bezog Gerlach Hartz IV. Eine Möglichkeit zur Umschulung vermittelte das Jobcenter ihm nicht, stattdessen aber einen Ein-Euro-Job im städtischen Park.

Da hörte er von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dass in Schweden deutsche Tischler gesucht würden. Der Kollege hatte den Schritt ins Ausland bereits zwei Jahre zuvor gewagt. Er half Christian Gerlach, in Skandinavien Fuß zu fassen. Mittlerweile spricht Gerlach fließend Schwedisch und Englisch, ist in seinem ursprünglichen Beruf erfolgreich und verfolgt sein Ziel, Erzieher zu werden, eifrig weiter. Seine schwedische Freundin arbeitet als Lehrerin. "Das Bildungssystem hier hat große Unterschiede zu dem in Deutschland. In den Schulen wird viel stärker auf die Kinder eingegangen", sagt Gerlach. Allerdings sei das deutsche duale Ausbildungssystem besser. "Hier verlassen viele Jugendliche die Schule ohne eine Berufsausbildung. Und Arbeiter aus Deutschland sind hier sehr gefragt und werden für ihre gute Ausbildung geschätzt."