"Es ist in Ordnung, auch mal verzichten zu müssen" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Frau Köhler, in Ihrem Buch Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs beschreiben Sie zwölf Jahre Mühen in 21 Praktika und Aushilfsjobs. Womit begann Ihre Karriere?

Anne Köhler: Ich habe vieles ausprobiert, von der Jugendpolitik bis zum Blumenladen. Erst waren das Versuche, bald aber ging es darum, Geld zu verdienen. Damit veränderten sich auch die Jobs.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass es Ihnen Spaß gemacht hat, früh morgens im Postzentrum Briefe zu sortieren. Dagegen ist Ihnen das Kellnern in der gehobenen Hotellerie furchtbar schwer gefallen?

Köhler: Ja, wenn Sie im Nadelstreifenkostüm und auf hohen Schuhen zwölf Stunden lang gekellnert haben, träumen Sie von einer Welt ohne Schmerzen in den Füßen! Das, was mich am meisten deprimiert hat, war aber, auf einen Job angewiesen zu sein, der mir nicht gelegen hat. Da verliert man schnell die Lust, muss aber immer wieder Energie aufbringen.

ZEIT ONLINE: In Hildesheim haben Sie den Studiengang kreatives Schreiben und Kulturjournalismus abgeschlossen. Doch seit dem Abschluss jobben Sie wieder in Berlin. Warum? Finden Sie keine feste Arbeit oder wollen Sie gar keine?

Köhler: Ich arbeite seit Längerem an einem Roman, immer vormittags in einem Nachbarschaftsbüro mit einem befreundeten Autor. Nachmittags jobbe ich. Gerade halte ich allerdings nach etwas Neuem Ausschau. Das kann beinahe alles sein – Sekretärin, Köchin, Journalistin, Küchenhilfe oder Kellnerin. Ich will die Abwechslung nicht missen, die meine Nebenjobs bringen: Man lernt dazu, findet neue Menschen und Perspektiven ...

ZEIT ONLINE: ... und wird für wenig Lohn ausgenutzt.

Köhler: Viele Jobs sind völlig unangemessen bezahlt, das stimmt. Wenn man für wenig Geld stundenlang schuftet, fragt man sich schon, warum man das überhaupt zulässt. Es ist auch anstrengend, sich Sorgen um die Miete machen zu müssen. Von Dingen wie einer Altersvorsorge ganz zu schweigen! Doch wenn man oft die Jobs wechselt, entwickelt man sich in den einzelnen Bereichen relativ wenig weiter. In meinem Buch nenne ich das "die flachste Karriereleiter der Welt".

ZEIT ONLINE: Laufen Frauen stärker Gefahr, als schlecht bezahlte Servicekraft ausgebeutet zu werden?

Köhler: Das ist jetzt wohl so eine Gender-Frage? Das trifft vermutlich eher auf feste Stellen zu. Bei meinen Nebenjobs gab es bisher nie Unterschiede in der Bezahlung. Aber vielleicht haben es Männer schwerer, solche flexiblen Stellen zu finden?

ZEIT ONLINE: Oder sie stehen stärker unter Druck, Versorger zu sein?

Köhler: Ich wäre gerne Mitversorger! Ich will auch nicht mit dem Arbeiten aufhören, wenn ich mal Kinder bekomme. Insofern müsste mein Mann keinen größeren Druck spüren, viel Geld zu verdienen, als ich selbst.

Zahlenansagerin in Island

ZEIT ONLINE: Sie sagen, im Moment wären Sie vermutlich nicht in der Lage, eine Familie versorgen. Genießen Sie die Freiheit, die Ihnen das Multijobben ermöglicht?

Köhler: Und ob ich die Freiheit genieße! Aber ich fürchte mich auch. Mit einem Kind würde ich sicher mehr Kompromisse eingehen. Aber im Idealfall hat man ja noch einen Partner. Dann muss man eben gut zusammenarbeiten und dafür sorgen, dass keiner zu kurz kommt.

ZEIT ONLINE: Eine der traurigsten Stellen im Buch ist der Moment, als Sie mit Ende 20 merken, dass Sie sehr gerne Köchin geworden wären. Hätten Sie, rückblickend, früher lieber noch mehr probiert?

Köhler: Ich fand das selbst sehr traurig, aber was nützt das Grämen? Ich versuche, mich darüber zu freuen, dass ich mein Talent überhaupt fand. An sich selbst etwas zu entdecken, das einem leicht von der Hand geht und trotzdem enorm fordert, ist immer ein Glück. Außer dem Schreiben war das Kochen der einzige Job, zu dem ich fast immer gern gegangen bin!

ZEIT ONLINE: Sie könnten doch heute immer noch Köchin werden.

Köhler: Leute, die mit über dreißig noch einmal komplett neu anfangen, bewundere ich. Aber es ist ja so: Eine ernsthafte Arbeit anzunehmen, für die ich bereit bin, all meine Energie aufzubringen, würde bedeuten, das Schreiben in den Hobbybereich zu verfrachten. Dazu bin ich eben nicht bereit. Hätte ich mit 20 anders entschieden, wäre ich heute vielleicht eine sehr gute Köchin. Aber es gäbe dann kein Buch.

ZEIT ONLINE: Seit Jahren erscheinen Bücher über die "Generation Praktikum". Viele sind wütend und politisiert. Andere feiern eine junge, prekäre Boheme: Armut und Unsicherheit als Lifestyle.

Köhler: Ich möchte mein Buch vielmehr als eine Sammlung von Erzählungen verstanden wissen: Jede Episode beschreibt die Arbeitswelt in auf ganz persönliche und tragikomische Weise. Mir war wichtig, nicht nur anzuprangern und das eigene Leid zu beklagen. Ich finde es in Ordnung, mir nicht alles leisten zu können und auch mal zu verzichten. Aber jeden Euro drei Mal umdrehen zu müssen, nervt halt auch. Generell aber will ich gern lernen, mich nicht so oft beschweren, denn die Künstlerförderung in Deutschland ist – verglichen mit vielen anderen Ländern – gar nicht so schlecht. Solange ich so flexibel leben kann, genieße ich eben, dass ein Taxi spät in der Nacht durch halb Berlin ein seltener Luxus für mich ist.

ZEIT ONLINE: Also haben Sie Ihr Ziel verfehlt?

Köhler: Kennen Sie den Turm von Pisa? Von unten sieht er wohl nicht sehr vertrauenerweckend aus. Aber wenn man erstmal oben ist, ist der Ausblick trotzdem ganz schön. So ähnlich ist das mit dem Leben und den Zielen. Heute würde ich sagen, dass mein Leben nicht schief lief. Aber unterwegs habe ich das oft anders empfunden. An einigen Zielen bin ich gescheitert, aber dadurch gewachsen. Ich habe das früher oft viel zu bitterernst genommen. Da hat allem die Leichtigkeit gefehlt.

ZEIT ONLINE: Und in zehn Jahren...?

Köhler: Ich kann mir viel vorstellen! Vielleicht bin ich dann Köchin in einem kleinen Lokal in Hongkong, das "Abendbrot" heißt. Oder ich bin Zahlenansagerin in einer Kaschemme auf Island. Oder ich habe einen Mann und drei Kinder und bin halb Hausfrau und halb Schreiberin. Ist es nicht schön, manche Dinge noch nicht ganz genau zu wissen?

Die Fragen stellte Stefan Mesch