Vor rund anderthalb Jahren verlor Nazir Ahmad* seinen Job als Ingenieur in einem Zulieferbetrieb für Siemens. Seine ganze Abteilung wurde geschlossen. 20 junge Ingenieure waren auf einmal arbeitslos. Mittlerweile haben alle wieder Arbeit gefunden – nur Ahmad schreibt noch immer Bewerbungen.

An seiner Qualifikation könne das nicht liegen, sagt er. Ahmad hat sein Ingenieursstudium in Hamburg mit Bestnoten abgeschlossen. Ahmad spricht fünf Sprachen fließend, hat internationale Erfahrungen – und seit zwei Jahren einen deutschen Pass.

Aber der 32-Jährige hat zwei Probleme: "Ich bin Moslem und ich bin schwarz." Ahmad glaubt, dass er auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert wird. Beweisen kann er dies freilich nicht.

"Es ist komisch, dass Nazir meist nicht einmal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekommt", sagt Stefan Schmidt, einer von Ahmads ehemaligen Kollegen beim Zulieferer. Schmidt hatte schon nach sechs Wochen einen neuen Job in Stuttgart. Schmidt ist wie Ahmad 32 Jahre alt, hat wie Ahmad in Hamburg Ingenieurswissenschaften studiert, aber deutlich schlechter abgeschlossen. Schmidt war nie im Ausland und spricht nur Englisch als Fremdsprache. Für ihn steht fest: "Menschen mit Migrationshintergrund haben in Deutschland nicht die gleichen Jobchancen." Eine OECD-Studie kommt zu dem gleichen Ergebnis . Migranten suchen durchschnittlich deutlich länger als Einheimische nach einer Stelle – trotz formal gleicher oder besserer Qualifikation.

Wie Ahmad gehe es vielen Migranten in Deutschland, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion diskriminiert werden , sagt Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes . Seit vier Jahren gibt es die ADS – 12.000 Diskriminierungsfälle wurden seitdem gezählt. Der Statistik zufolge haben immerhin 16 Prozent die ethnische Herkunft als Grund , vier Prozent die Religion. Lüders vermutet, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. "Nur ein Teil der Menschen, die diskriminiert werden, wissen überhaupt, dass es uns gibt. Ein noch geringerer Teil meldet solche Vorfälle überhaupt. Besonders bei Migranten kommt hinzu, dass Diskriminierungserfahrungen zum Alltag gehören und die Menschen nicht einmal wissen, dass es nicht in Ordnung ist, wie sie behandelt werden", sagt Lüders. 

Beruf - Christine Lüders über Diskriminierung

Die Diskriminierung erfolgt häufig subtil und ist entsprechend schwer nachzuweisen. Ob er wegen seiner schwarzen Hautfarbe, seines muslimischen Namens oder seiner afrikanischen Abstammung aussortiert wird, kann Ahmad nicht sagen. Nur einmal hat ihm eine Personalmanagerin eine ehrliche Antwort gegeben. "Ich musste ihr versprechen, keine Klage auf Grundlage des AGG gegen die Firma anzustreben", erzählt Nazir Ahmad. Die Firma in Bayern habe "Unruhen und Missverständnisse in den Mitarbeiterteams" gefürchtet, wenn sie den jungen Ingenieur eingestellt hätte. Die Stelle blieb noch lange Zeit unbesetzt, dann bekam ein deutscher Bewerber den Job.

Ahmad klagte nicht. "Ich will mir keinen Job einklagen, ich will, dass sich das Unternehmen für mich entscheidet, weil es mich aufgrund meiner Qualifikationen haben möchte", sagt er. Mit dieser Einstellung ist er nicht allein. Als das AGG im Jahr 2006 in Kraft trat, wurde eine Klagewelle befürchtet . Sie ist ausgeblieben. Nicht einmal fünf Prozent der Klagen vor deutschen Arbeitsgerichten werden auf Grundlage des AGG geführt, haben Lüders und ihre Kollegen recherchiert. Grundlagen über den Status Quo zu schaffen, ist eine Hauptarbeit der ADS.

Ein weiteres Projekt ist die Aktion "anonymisierte Bewerbungen". Die ADS hat das Projekt verschiedenen Unternehmen, der Stadt Celle und dem Familienministerium gestartet und hofft, dass das Verfahren Schule macht.

Anonymisierte Bewerbungen sind in den USA und Frankreich längst Usus. "Wir wollen den Blick auf die reine Kompetenz schärfen", sagt Christine Lüders. Die Personalmanager sollen allein anhand der Qualifikationen entscheiden, wer zum Vorstellungsgespräch geladen wird. Ab dann sind die Karten natürlich offen, das heißt, nachdem die Einladungen verschickt wurden, erhalten die Personaler alle Unterlagen der Bewerbenden. Theoretisch wäre es dann immer noch möglich, Ältere, Frauen oder Ausländer unter einer fadenscheinigen Begründung abzulehnen, "aber dann hatten sie wenigstens eine Chance und darum geht es", sagt Lüders. (Ein Beispiel für ein anonymisiertes Bewerbungsformular finden Sie hier.)