Üblicherweise antwortet Volkes Stimme an dieser Stelle entschlossen mit einem klaren "Nein!". Noch mehr Steuern zahlen? Wer will das schon! Doch diesmal kam es anders.

Rund 43 Prozent der Deutschen mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen zwischen 3000 und 4000 Euro waren sehr wohl bereit, dem Staat mehr von ihrem Geld abzugeben. Selbst ein Drittel der Bürger, die monatlich weniger als 3000 Euro netto verdienten, würde sich persönlich an der Sanierung des Fiskus beteiligen. Offenbar hat in dem Land, in dem der Begriff "Ellbogengesellschaft" einst zum Wort des Jahres gewählt wurde, ein dramatischer Gesinnungswandel stattgefunden.

Allein bei der Deutschen Krebshilfe haben sich mittlerweile über drei Millionen Menschen dazu bereit erklärt, ihr Knochenmark einem Leukämiekranken zu spenden. Jeder dritte Deutsche engagiert sich in der Nachbarschaftshilfe, jeder Fünfte ehrenamtlich in Vereinen, jeder Zehnte im Sozialsektor.

"Das Zeitalter der Ichlinge geht zu Ende", resümierte erst kürzlich der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski.

Anlass seiner Prognose: Die von ihm geleitete BAT Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg hatte 2000 repräsentativ ausgewählte Personen ab 14 Jahren mit verschiedenen Aussagen konfrontiert, darunter: "Für Egoismus ist in unserer Gesellschaft immer weniger Platz, wir müssen mehr zusammenhalten." 88 Prozent der Bundesbürger stimmten der These unmittelbar zu.

Bei zwischenmenschlichen Interaktionen spielen Fairness und Reputation eine weitaus gewichtigere Rolle als bisher angenommen. Schon länger betonen Spieltheoretiker, dass wir uns instinktiv selbstlos verhalten, sobald wir uns vor den negativen Folgen eines Ego-Trips fürchten. Und je stärker die Gemeinschaft, je transparenter das System, desto häufiger ist das der Fall.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen Zehn-Euro-Schein geschenkt – jedoch unter einer Bedingung: Sie müssen das Geld mit jemandem teilen. Wie viel Sie abgeben, bleibt Ihnen überlassen. Der Haken: Falls Ihr Gegenüber das Angebot ablehnt, bekommen Sie beide nichts.

Hinter dem vermeintlich trivialen Test verbirgt sich eines der berühmtesten Experimente der Wirtschaftspsychologie:  das sogenannte Ultimatumspiel . Zwar wurde es bereits 1978 vom deutschen Ökonomen Werner Güth vom Max-Planck-Institut in Jena erfunden. Doch es erfuhr vor einigen Jahren eine Renaissance, durch eine der weltweit umfangreichsten Egoismus-Studien aller Zeiten.

Der Anthropologe Joseph Henrich von der kanadischen Universität von British Columbia reiste mit seinem Team um die ganze Welt – zu Bauern in Ostafrika, Hirten in der Mongolei, Studenten in Los Angeles und Ureinwohnern in den Anden. Mit insgesamt 2100 Menschen aus 15 verschiedenen Nationen spielten die Forscher das Ultimatumspiel.

Das Ergebnis: In allen Industrieländern ebenso wie in Städten in Entwicklungsländern gab der erste Spieler im Schnitt die Hälfte des Betrages ab. Bei den Stammesvölkern hingegen waren die Resultate weniger einheitlich: Am großzügigsten war das Volk der Lamalera, Walfänger in Indonesien, die ihrem Gegenüber knapp zwei Drittel anboten. Besonders knickerig waren die Machiguenga im peruanischen Regenwald, die etwa drei Viertel der Summe einbehielten.

Allerdings: Deren Mitspieler empfanden die jeweilige Aufteilung gar nicht als ungerecht. Offenbar verhielten sich die jeweiligen Zivilisationen in Henrichs Experimenten bloß ihrem Alltag entsprechend.