Frage: Wer will sich schon überflüssig machen?

Grundl: Der Gutmensch ganz sicher nicht. Aber Leute, die wirklich stark sind und sich permanent weiterentwickeln, gehen voran. Und wenn sie ihre Verantwortung genutzt und die Mitarbeiter nach vorne gebracht haben, wartet ganz sicher die nächste Aufgabe mit noch mehr Verantwortung auf sie. Solche Leute werden immer gebraucht.

Frage: Wie kann ich mich wehren, wenn mein Chef einer dieser Gutmenschen ist?

Grundl: Das Arbeitsumfeld prägt Sie, im schlimmsten Fall ordnen Sie sich unter und ticken bald ganz ähnlich. Wenn er aber erkennt, dass Sie anders sind, wird er ihnen ziemlich sicher in die Suppe spucken. Wer den Menschenentwickler braucht, aber den Gutmenschen bekommt, muss andere Wege finden. Sonst gibt es nur Stress. Sie müssen sich also umorientieren, nach einem Chef gucken, der Sie nach vorne bringt. Das kann auch in derselben Firma sein. Suchen Sie nach jemandem, in dessen Umfeld sich Menschen außergewöhnlich entwickeln. Suchen Sie, bis Sie jemanden finden, der nicht den grünen, sondern den rosa Daumen hat. Wie Pflanzen besser bei Menschen wachsen, die einen grünen Daumen haben, gibt es auch Menschen mit dem rosa Daumen. Bei ihnen  wachsen und entwickeln sich andere Menschen.

Frage: Diese Suche kann aber länger dauern.

Grundl: Sie können sich auch kurzfristig Freiheiten erkämpfen: Wichtig ist, dass Sie zu Ihrer Meinung fest stehen. Handeln Sie danach und geben es dem Chef auch zu verstehen. Ohne vorwurfsvoll zu werden, können Sie ihn fragen: "Ist es okay, wenn ich in dieser Sache so oder so vorgehe?" Er wird Ihnen zustimmen, er will schließlich gemocht werden. Aber er will gefragt werden. Daraus ergibt sich ein Stück emotionale Freiheit für Sie. Im Idealfall wird das von anderer Seite registriert. Es gibt viele gute Vorgesetzte, die auch ein Auge darauf haben, was in anderen Abteilungen passiert.

Frage: Was, wenn es nur Gutmenschen im Unternehmen gibt?

Grundl: Aus Erfahrung gibt es in ein und derselben Firma sowohl Gutmenschen- als auch Menschenentwickler-Chefs, die untereinander und miteinander arbeiten. Während die einen seilschaftenorientiert sind, denken und arbeiten die anderen wirkungsorientiert. In vielen Unternehmen gibt es beide Strömungen. Manchmal muss man sich aber auch so lange entgegen seiner Werte prostituieren, bis man solch ein Unternehmen, solch eine Abteilung oder solch einen Chef findet.

Frage: Und wenn der Frust am Arbeitsplatz zu groß wird?

Grundl: Wichtig ist: Wenn Sie unter einem Gutmenschen-Chef leiden, müssen Sie sich trotzdem darauf konzentrieren, was Sie selber machen können. Sie müssen mit dem arbeiten, was da ist, anstatt Ihren Frust nach außen zu tragen. Diese zusätzlichen Spannungen sind unnötig und kosten wertvolle Zeit und Kraft. Die Devise lautet: Wir müssen so lange die Klappe halten, bis wir uns in eine Position gebracht haben, von der aus wir springen können, um uns weiter zu entwickeln. Die Zeit, in der man sich zurückhalten muss, ist schmerzhaft, aber genau durch dieses Leid wachsen Menschen.

Die Fragen stellte Gero Brandenburg.

(Zuerst erschienen auf Karriere.de)