ZEIT ONLINE: Herr Hagemann, was geht in Führungskräften vor, die wie der Finanzminister Wolfgang Schäuble ihre Mitarbeiter öffentlich vorführen?

Tim Hagemann: Wer schon lange in einer Machtposition ist, verliert oft das Gespür für soziale Normen. Solche Führungskräfte bekommen häufig kaum oder kein aufrichtiges Feedback von außen. Vor allem dann, wenn sie mit sozialen Konventionen brechen. Eigentlich lernt jeder Mensch in der Kindheit, sich an soziale Normen zu halten und seine Impulse zu unterdrücken. Führungskräfte in Machtpositionen, die viele Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis unter sich haben, fallen aber oft in ein impulsgesteuertes Verhalten zurück. Sie unterdrücken ihre Gefühle weniger, weil ihre Machtposition das zulässt. Die Umwelt scheint dies zu akzeptieren, weil sie oft abhängig von der Führungskraft ist.

ZEIT ONLINE: Macht macht also emotional kaputt?

Hagemann: Die Verhaltensmechanismen laufen meistens automatisch ab. In dem Video, das es von der Pressekonferenz gibt , kann man das recht gut beobachten: Die Journalisten scheinen sich zunächst mit dem Minister zu verbünden, einige lachen. Die öffentliche Empörung über das Fehlverhalten des Ministers wurde erst später laut.

ZEIT ONLINE: Jetzt aber hat Schäubles übergriffiges Verhalten eine öffentliche Debatte ausgelöst. Warum?

Hagemann: Weil viele solche Situationen aus ihrer eigenen Arbeitswelt kennen. Kaum ein Lebensbereich ist derart stark von Machtstrukturen durchdrungen wie die Arbeitswelt.

ZEIT ONLINE: Aber nicht jede Führungskraft verlernt, die eigenen Gefühle zu regulieren.

Hagemann: Natürlich nicht. Es hängt eben davon ab, welche alternativen Verhaltensstrategien zur Verfügung stehen. Ein guter Umgang mit Macht lässt sich in Kommunikationstrainings und Coachings lernen. Das Verhalten ist auch abhängig vom jeweiligen Führungsstil. Man kann ein Unternehmen oder ein Ministerium mit Strenge und Angst führen – oder mit Vertrauen und Souveränität. Otto Schily etwa galt als strenger Chef , den seine Mitarbeiter fürchteten. Frank-Walter Steinmeier war als angenehmer Chef bekannt, der das Vertrauen und den Respekt seiner Mitarbeiter genoss. Beide Politiker aber haben ihre Ministerien gut geführt.