"Mein Arbeitsweg nervt mich!" Unter diesem Motto lässt Sascha Neumeier im Mai 2009 auf Whoopster Dampf ab. Seine Nerven liegen blank, da er in diesen Tagen wegen Baustellen jeder Art vier Stunden braucht, um die etwa 156 Kilometer zwischen Wohnort und Arbeitsplatz zu schaffen. Ein Umzug kommt für den 29-Jährigen trotzdem nicht infrage. Neumeier lebt in Thürnhofen, einem Ort mit 130 Einwohnern im Bayerischen Wald. Hier hat er ein Haus, hier fühlt er sich wohl, hier sind seine Familie und Freunde. Der Experte für Online-Marketing pendelt zwischen seinem Heimatort und seinem Arbeitsort Nürnberg. Das sind morgens und abends 156 Kilometer, davon 96 über Landes- und Bundesstraßen und 60 auf der Autobahn. Bei dieser Fahrleistung ist es ihm egal, ob der Staat eine Pendlerpauschale bezahlt oder nicht. Die Fahrkosten sind der Preis für seine Heimatverbundenheit.

Wenn alles glatt läuft, schafft er eine Strecke in 100 Minuten. Neumeier sitzt also jeden Tag 3 Stunden und 20 Minuten hinter dem Steuer seines Skoda Octavia. "Eine halbe Stunde brauche ich, um etwas Abstand vom Berufsalltag zu bekommen. Die restliche Zeit ist lästiges Übel", sagt Neumeier. Als Pendler will er flexibel sein und hat deshalb noch nie versucht, sich einer Fahrgemeinschaft anzuschließen.

Im Internet werben zahlreiche Foren mit der Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten. Ihr Argument: Gemeinsam fahren ist günstiger und macht mehr Spaß. Doch sie bedienen eine Minderheit. Das statistische Bundesamt in Wiesbaden führt alle vier Jahre eine Pendlerbefragung durch. Die aktuellste Studie aus dem Jahr 2008 kommt zu dem Ergebnis, dass knapp 60 Prozent der Erwerbstätigen mit dem Auto zur Arbeit fahren und davon nur 3,5 Prozent eine Mitfahrgelegenheit nutzen. Immer mehr Erwerbstätige, so die Statistiker, nehmen längere Strecken für den Weg zur Arbeit auf sich. Insgesamt gelten etwa 33 Millionen Menschen als Nah- und Fernpendler.

Laut Wissenschaft ist ein Fernpendler eine Person, die für den einfachen Weg zwischen Wohn- und Arbeitsort mindestens eine Stunde benötigt und diese Strecke dreimal in der Woche oder häufiger zurücklegt.

Frank W. (38) aus Düsseldorf ist ein typischer Pendler: Er ist männlich, verheiratet, mittleren Alters, im Job und am Wohnort gut eingebunden.

Auf den größten Teil der Menschen, die einen weiten Weg zwischen Bett und Schreibtisch haben, trifft diese Beschreibung zu. "Da Pendeln, insbesondere Wochenendpendeln, mit hohen finanziellen Belastungen verbunden sein kann, zahlt es sich nicht in jeder Situation gleichermaßen aus. Allerdings werden von den Pendlern häufig auch nicht-monetäre Vorteile genannt, wie etwa dass die Familie am vertrauten Lebensmittelpunkt verbleiben kann", sagt der Mobilitätsforscher Norbert F. Schneider.

Frank W. hat Glück, denn sein Arbeitgeber unterstützt ihn bei der Finanzierung seiner Bahncard 100. Die Kosten sind trotzdem erheblich, nicht nur finanziell. Wenn die Bahn streikt oder Züge ausfallen, kommt er manchmal erst gegen Mittag ins Büro – obwohl er extra früh gestartet ist. "Das ist die Hölle", schimpft er. Streng genommen müsste er sich dafür einen halben Tag Urlaub nehmen und kann nicht mit einem Schadenersatz der Bahn rechnen.