Jan Hövener hat gleich drei Berufe: Er ist Wirtschaftsingenieur, Kunsttherapeut und Kerzenzieher. Letzterer ist ein Traditionsberuf, den Hövener vor allem in der Adventszeit ausübt. Als Kunsthandwerker auf dem Weihnachtsmarkt . An seinem Stand auf dem Bremer Weihnachtsmarkt fertigt er Kerzen noch auf die Art und Weise an, wie es die Menschen schon vor 500 Jahren taten. "Der eigentliche Herstellungsprozess einer Kerze klingt einfach: Ein Kerzendocht wird solange in flüssiges Wachs getaucht und wieder herausgezogen, bis sich so viel Wachs daran abgesetzt hat, dass eine Kerze dabei entsteht", erklärt Hövener. Ganz so einfach ist es aber nicht. "Kerzenziehen ist ein Handwerk, das unterschätzt wird", sagt Hövener. 

Der Selbstversuch zeigt: Wer den Docht zu schnell aus dem 70 Grad heißen Wachs zieht, bekommt ein Wachsgebilde, das den Namen Kerze eigentlich nicht verdient: Das Wachs trocknet nicht richtig, die Form ist verbogen. Abbrennen lässt sich dieses Ergebnis nicht. Anders dagegen das Ergebnis, das der Kerzenzieher erzielt: Nach 30 Minuten hält er eine gleichmäßige Kerze in der Hand. Jede ist ein Unikat.

Die Kerzen können eingefärbt oder mit unterschiedlich gefärbtem Wachs gezogen werden. Und natürlich sind auch verschiedene Formen möglich. "Darum ist der Beruf ein Kunsthandwerk", sagt Jan Hövener.

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Er achtet darauf, nachhaltige Rohstoffe für die Herstellung zu verwenden: Der Docht besteht aus einer speziell behandelten und gereinigten Baumwolle, die besonders gebündelt und geflochten wird. "Allein die Dochtherstellung ist ein über Jahrhunderte optimiertes Verfahren. Man kann nicht einfach einen beliebigen Baumwollfaden verwenden, weil der Docht sonst nicht gleichmäßig abbrennen würde", sagt Hövener.

Wie schon im Mittelalter verwendet der Kerzenzieher Bienenwachs, das vorher gereinigt und gefiltert wird. "Bienenwachs ist ein wertvoller Rohstoff und viel kostbarer, als viele Menschen vielleicht vermuten. Ein kleiner Tropfen ist soviel, wie eine Biene in ihrem Leben produzieren kann", sagt Hövener. Das heißt: Für eine Kerze mit einem Gewicht von 200 Gramm wird die Jahresproduktion Wachs eines ganzen Bienenvolkes – also von ungefähr 30.000 Bienen – benötigt. "Das ist nichts zum Vergeuden", sagt der Kunsthandwerker.

Im Mittelalter wurden Kerzen aus Bienenwachs von daher nur selten für normale Beleuchtungszwecke, sondern meist nur in Kirchen und von Adelsfamilien verwendet. Das gemeine Volk konnte sich Kerzen aus Bienenwachs nicht leisten , in den Bürgerhäusern wurden oft nur Talg- und Öllampen für die Beleuchtung verwendet.

Entsprechend galt die Kerzenzieherei als hoch angesehene Handwerkskunst. Heute wird der Beruf unter der Berufsbezeichnung "Wachszieher" geführt und ist ein Lehrberuf mit drei Jahren Ausbildungszeit. Der Wachszieher fertigt Kerzen allerdings nicht mehr klassisch von Hand an, sondern in Massenanfertigung und mit Maschinen. Auch heute wird kaum Bienenwachs, sondern Stearin oder Paraffin verwendet.

Hövener selbst hat das traditionelle Kerzenziehen in Zürich gelernt. Von dem Handwerk leben kann er allerdings nicht. Für ihn ist der Stand auf dem Bremer Weihnachtsmarkt eine willkommene Abwechslung zu seinem eigentlichen Beruf. "Es macht viel Spaß, den Menschen das Handwerk in diesem Rahmen näher bringen zu können", sagt er.

Dass das Handwerk aussterben wird, glaubt der Kerzenzieher nicht. Und auch nicht, dass es einmal keine Kerzen mehr gibt. Ihr Duft und ihr weiches Licht haben eine entspannende Wirkung. "Kerzenlicht regt die Sinne an", sagt Hövener. Aber auch ihre Herstellung: "Manche Leute sagen, Kerzen ziehen ist ein bisschen wie Meditation." Kein Wunder, dass aus dem einstigen Handwerksberuf heute ein beliebtes Hobby geworden ist.

  • Arbeitszeit: variiert, je nach Auftragslage
  • Ausbildung: früher Kerzenzieher, heute Wachszieher
  • Verdienst: variiert