"Wir greifen in Gewohnheiten ein. Aber die Mitarbeiter profitieren davon, weil sie flexibler und mobiler arbeiten können", erklärt Herbert K. Meyer, Hausherr und Leiter der Siemens AG in der Region West. Im Produktionsbereich sei dies schon lange üblich. 

Seitdem auch wichtige Fragen wie Arbeitszeiterfassung, Versicherungsschutz, IT-Technik und Datensicherheit geklärt sind, wechseln die Siemensianer ihren Arbeitsplatz. Alle Schreibtische und -stühle sind höhenverstellbar, die wenigen Türen gläsern. Damit das Prinzip der freien Arbeitsplatzwahl funktioniert, müssen alle bei Feierabend ihren Schreibtisch leerräumen. Hohe Papiertürme gehören der Vergangenheit an. Privater Büronippes und Unterlagen schließen die Mitarbeiter in ihr Fach, das gleichzeitig als Briefkasten dient. Je nach Aufgabe können sich die Mitarbeiter in Besprechungsräumen zusammensetzen oder sich allein in eine der sogenannten Kreativzonen zurückziehen. Wer will, kann auf dem roten Sofa im Loungebereich Platz nehmen oder sich mit Kollegen an der Theke in der Kaffeeküche treffen. Putzteams sorgen dort für Sauberkeit. Drucker, Steckdosen und W-LAN sind überall verfügbar, selbst im Mitarbeiterrestaurant.

Die Wörter "verantwortungsvoll", "exzellent" und "innovativ" stehen auf weißen Stoffbahnen, die die Bereiche trennen. Sie erinnern ein wenig an Gebetsfahnen.

Aber Innovation entsteht nur selten am Arbeitsplatz. Studien der Universität Gallen haben ergeben, dass nur zehn Prozent der Ideen in Meetings entstehen. Am kreativsten sind die Menschen in der Natur, zu Hause, auf Reisen oder beim Sport.

Siemens möchte diese Effekte nutzen – auch darum stellt der Konzern seinen Mitarbeitern Mobiltelefone und Notebook zur Verfügung, mit denen die Siemensianer auch von zu Hause und unterwegs arbeiten können.

"Wenn wir für sehr gute Nachwuchskräfte attraktiv sein wollen, müssen wir ihnen ermöglichen, Privat- und Arbeitsalltag unter einen Hut zu bringen", sagt Hausherr Meyer. Ob die viel beschworene Work-Life-Balance funktioniert, hängt nicht zuletzt von den Führungskräften ab. Sie müssen Gewohnheiten aufgeben. "Wer es gewohnt ist, seine Mitarbeiter immer im Blick zu haben, sollte umdenken", sagt Meyer, "wir müssen neue Methoden entwickeln, um die Mannschaft zusammenzuhalten und unsere Vertrauenskultur weiter ausbauen."

Dazu gehört, dass sogenannte "Change Agents" den Prozess begleiten, und dass alle Mitarbeiter immer wieder nach ihrer Meinung gefragt werden. Nach den bisherigen Erfahrungen steht bereits fest, dass das "Siemens-Office"-Konzept an allen neuen Standorten eingeführt wird.

Einige Bereiche sind jedoch von diesem offenen Konzept ausgenommen: Die Entwicklungsabteilung und die Finanzbuchhaltung arbeiten weiterhin hinter geschlossenen Türen. Da will sich der Konzern nicht in die Karten schauen lassen.