Im Schatten der Eltern – Seite 1

Eissi wurde Klaus Mann in der Familie verniedlichend genannt. Und auch sonst blieb der Schriftsteller immer das kleine "Söhnlein". Nie konnte Klaus aus dem gewaltigen Schatten seines Vaters Thomas Mann, dem Literatur-Nobelpreisträger, heraustreten. Von den sechs Kindern des Buddenbrooks -Autors versuchten immerhin drei, beruflich in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters aus Lübeck zu treten. Sowohl für Erika wie auch für Klaus und Golo erwiesen diese sich aber als zu groß. Klaus Mann litt am meisten unter dem "problematischen Glück" seiner ruhmreichen Herkunft, wie er es nannte. Geldsorgen, Drogensucht und vor allem Missbilligung durch den Vater – nach vielen persönlichen Krisen und Depressionen nahm sich der Filius im Mai 1949 im Alter von 42 Jahren mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben.

Das berufliche Werk der Eltern fortzuführen , muss keineswegs automatisch in Erfolg münden. Auch als talentierter Sprössling, Klaus Mann wurde mit Romanen wie Mephisto durchaus einem breiteren Publikum bekannt, kann man scheitern.

Grundsätzlich ist es in Deutschland, insbesondere in Industrie und Handel, seit jeher verbreiteter Usus, dass die Eltern irgendwann die Geschicke der eigenen Firma eines ihrer Kinder überlassen. Und oft setzt der Junior den beruflichen Erfolg vom Senior dann über viele weitere Jahre fort.

Rund 15.000 Familienunternehmen im klassischen Sinn gibt es in Deutschland. "Viele sind in ihrem Bereich sogar Weltmarktführer oder zumindest Oligopolist", sagt Brun-Hagen Hennerkes, Gründer und Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. Dynastien wie Krupp, Oetker oder Stihl führen die Unternehmergilde im Land teils seit Jahrhunderten an. Tradition verpflichtet.

Stiftungsvorstand Hennerkes beschäftigt sich seit 30 Jahren mit diesem "spannenden Unternehmenstypus" und kennt nach eigenen Angaben jeden einzelnen Familienbetrieb im Land. Dessen Vorteile im Vergleich etwa zu börsennotierten Unternehmen in oft anonymer Hand seien vielfältig: "In der Familie wird nachhaltiger gedacht und mit hohen ethischen und moralischen Ansprüchen gewirtschaftet. Außerdem ist die Motivation und die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Arbeitgeber sehr hoch", zählt Hennerkes auf und ergänzt: "Ich habe erlebt, wie manch Senior auf Betriebsversammlungen anerkennend Standing Ovations von der Belegschaft bekam."

Aber es können auch gravierende Probleme auftauchen . Zum Beispiel wenn der "Alte" auch mit 65 oder mehr Lebensjahren noch immer nicht abtreten will, ja das operative Geschäft am liebsten niemals an den Nachwuchs abgeben würde. Tritt der Senior dann doch irgendwann ab, können sich die Kinder oft nur in ein gemachtes Nest setzen. Der Stolz eines Pioniers, etwas ganz alleine auf die Beine gestellt zu haben, fehlt ihnen völlig. Und gleichzeitig auch die Anerkennung von Dritten. "Da kann es zu sehr großen Frustrationen kommen", sagt Hennerkes.

Bastian Fassin wollte sich nicht einfach in dieses gemachte Nest einer Familiendynastie setzen. Der Chef des Süßwarenkonzerns Katjes heuerte nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre erst einmal bei der Unternehmensberatung Roland Berger an. Später ging er noch für vier Jahre zum Nahrungsmittelkonzern Kraft, wo er zuletzt als Key Account Manager arbeitete.

Erst nach sieben Jahren externer Berufserfahrung kehrte der heute 38-Jährige nach Emmerich am Rhein zurück und begann die Geschäfte der Katjes Fassin GmbH + Co. KG weiter zu führen – zusammen mit einem familienfremden Manager. Den hatte Vater Klaus zwischenzeitlich nach seinem Ausscheiden aus der operativen Geschäftsführung eingestellt.

Erfolg vererbt sich

"Natürlich spart man auf der Karriereleiter Zeit , wenn man direkt als Junior-Chef im Betrieb der eigenen Familie einsteigt", sagt Bastian Fassin. "Ich wollte aber erst einmal raus und in fremdem Umfeld Erfahrungen sammeln." Dabei habe er durchaus schon früh Interesse an der Übernahme des Familienunternehmens verspürt. "Vor einem möglichen Führungswechsel wollte ich aber erst prüfen, ob ich für eine Position an der Spitze eines großen Unternehmens überhaupt die notwendigen Fähigkeiten besaß. Und ob ich im Zweifelsfall auch auf eigenen Beinen würde stehen können", sagt Fassin.

Mit seinem Vater beriet er sich damals oft intensiv zur beruflichen Zukunft. Druck habe der Senior aber nie auf ihn ausgeübt: "Mein Vater hat immer gesagt: 'Mach was Du willst'". 2004 wollte Bastian Fassin dann zurück zur Familie. Mittlerweile hat der junge Katjes-Konzernchef selbst eigene Kinder.

Am ehesten tritt der Nachwuchs offenbar beruflich in die Fußstapfen seiner Eltern, wenn diese bereits erfolgreich in ihrem Metier waren. Zu dieser Überzeugung ist der Wissenschaftler Reinhard Prügl gekommen, nachdem er in einer Studie 231 Unternehmerkinder zu ihren beruflichen Plänen und Wertevorstellungen befragt hatte. "Bei den Gesprächen fiel mir auf, dass Erfolg und Zufriedenheit der Eltern eine große Rolle für die Berufswahl ihrer Kinder zu spielen scheinen", sagt Prügl, der an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen lehrt. "Wenn Kinder sehen, wie erfüllend der Beruf für den Vater oder die Mutter ist, wächst offensichtlich ihr Verlangen, ihnen später im gleichen Metier nachzufolgen." Der Mehrheit sei dann allerdings wichtig, nach dem Führungswechsel auch eigene Akzente setzen, eigenverantwortlich handeln zu können.

Es scheint in Familien also auch eine Tradition von Tugenden und Leidenschaften zu geben, sei es im Bäckerhandwerk, bei Juristen oder Ärzten. Selbst bei Künstlern müssen Kinder nicht zwangsläufig im Schatten ihrer Eltern bleiben wie es bei der deutschen Schriftstellerfamilie Mann war.

Im Gegenteil, der amerikanische Schauspieler Michael Douglas ( Wall Street, Basic Instinct ) etwa hat seinen Vater Kirk ( Spartacus ) in Talent und Erfolg noch überflügelt: Der Sohn gewann wegen seiner herausragenden schauspielerischen Leistungen nicht nur den Golden Globe, sondern auch mehrmals den Oscar.